DDR-Architekturskandal in Berlin Prenzlauer Berg : "Gasometer sprengt man nicht!"

Als 1984 in Prenzlauer Berg drei historisch bedeutsame Gasometer abgerissen werden, kocht die Volksseele. Davon erzählen jetzt die Aktivisten von damals - in einer Ausstellung in der Wabe.

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Da stand er noch. Einer der Gasometer vom Prenzlauer Berg, in Barbara Metselaar Bertholds Serie „Hinter Glas“ (1979 - 1984).
Da stand er noch. Einer der Gasometer vom Prenzlauer Berg, in Barbara Metselaar Bertholds Serie „Hinter Glas“ (1979 - 1984).Foto: Barbara Metselaar Berthold

Wer Sinn für Symbole hat, musste darin eines erkennen: Nachdem sich am 28. Juli 1984 um 14.05 Uhr die Staubwolke gelegt hatte, stand noch ein steil aufragender Mauerrest von einem der drei Gasometer an der Dimitroffstraße, heute Danziger Straße. Sogar eine wildwachsende Birke ganz oben auf der Mauerkrone hatte die Wucht der Detonation überlebt. Zukunft und Vergangenheit waren widerstandsfähiger als die herrschende Ideologie. Nicht mal richtig sprengen konnten sie.

Wochenlang war die Gerüchteküche im Arbeiter- und Bohemebezirk Prenzlauer Berg übergekocht: Berliner Baufirmen, so eine Legende, sollen sich geweigert haben, die Bohrlöcher für die Sprengung zu bohren, weshalb Autobahnbauer aus Magdeburg geholt werden mussten. Die Nacht vor dem Abriss verbrachten 100 Stasi-Männer in Kampfausrüstung in den Gasometern, weil sich Demonstranten, so das Gerücht, an die Mauern ketten wollten.

Ausstellung "Gasometer sprengt man nicht!"

Die Ausstellung „Gasometer sprengt man nicht!“, die der Verein Glashaus mit Unterstützung des Bezirksamts Pankow im Kulturzentrum Wabe am Ernst-Thälmann-Park zeigt, kommt 30 Jahre später zur richtigen Zeit.

Noch leben viele Akteure von damals. Noch immer kochen Emotionen hoch, wie die Podiumsdiskussion am Eröffnungsabend beweist. Und es gibt erneut Bürgerproteste, weil Mieter befürchten, verdrängt zu werden.

Die Ausstellung argumentiert sachlich, zeigt etwa die Metamorphose des Ernst-Thälmann-Parks vom geplanten Volkspark zur realisierten Fassung mit Plattenbau-Wohnblocks und dem 50 Tonnen schweren Thälmann-Denkmal, in der für die Gasometer schon rein ideologisch kein Platz mehr blieb – obwohl deren Erhaltung und Umnutzung als Zirkusmanege oder Technikmuseum bis zuletzt diskutiert worden war.

Die Gasometer vom Prenzlauer Berg und ihr Abriss symbolisiert für manchen, der damals geschimpft, gehofft, getrotzt und protestiert hat, den Anfang vom Ende der DDR. Ist auch das eine Mystifizierung? Die Fantasielosigkeit der Staatsmacht erinnert jedenfalls bis heute an die Unfähigkeit des Systems, mit der Kreativität und dem guten Willen der eigenen Bevölkerung umzugehen. Gasometer-Geschichten handeln auch von verspieltem Vertrauen.

Gasometer-Ausstellung in der "Wabe"
Barbara Metselaar Berthold, Aus der Serie „Hinter Glas“, 1979-1984 Schwarz-Weiß-FotografieAlle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: © Barbara Metselaar Berthold
11.08.2014 13:08Barbara Metselaar Berthold, Aus der Serie „Hinter Glas“, 1979-1984 Schwarz-Weiß-Fotografie

Die Proteste von 1984 erreichten eine bis dahin nie erfahrene Qualität. „Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl: Es gibt so etwas wie ein Wir“, erinnert sich der Bildhauer Micha Koch. Wegen eines Stickers mit der harmlosen Frage „Berlin ohne Gasometer?“ verloren er und seine damalige Lebensgefährtin, die Grafikerin Katharina Kosak, ihre Studienplätze an der Kunsthochschule Weißensee.

Andere klebten damals Zettel mit dem Slogan „Gasometer sprengt man nicht!“ in die Hausflure, Studenten und Arbeiter schrieben Eingaben an die Staatsmacht, unter den Aschenbechern der Szenekneipen versteckte man Protestaufkleber, Künstler schlichen sich auf die abgesperrte Baustelle, um zu malen und zu fotografieren. Noch am Abend der Sprengung kursierten auf Szenepartys erste Super-8-Filme.

Zum ersten Mal kam der Widerstand, der sich zunächst wohl nicht als solcher begriff, aus verschiedenen Richtungen. Erstmals konnte die Stasi die sich artikulierenden Bürger nicht zweifelsfrei einem sozialen oder weltanschaulichen Milieu zuordnen. Es waren zarte Anfänge dessen, was man im Westen später Zivilgesellschaft nannte. In der DDR konnte sie sich nicht mehr entfalten, weil viele, die noch zu hoffen gewagt hatten, wenig später endgültig aufgaben und nur noch wegwollten.

Mit dem Puppenspieler Siegmar Körner gründete Uwe Warnke 1982 die originalgrafische Kleinstzeitschrift „Entwerter/Oder“

Einer, der damals blieb, ist Uwe Warnke, Jahrgang 1956. Warnke, der heute erlesen schöne Künstlerbücher verlegt, hatte Kartografie studiert, ehe er Anfang der Achtziger im Prenzlauer Berg „richtig ausstieg“. Arbeit auf dem Friedhof, zwei Tage die Woche für knapp 200 Mark: „Davon konnte man leben.“

Mit dem Puppenspieler Siegmar Körner gründete er 1982 die originalgrafische Kleinstzeitschrift „Entwerter/Oder“. Deren 100. Ausgabe wird Warnke 2015 mit einer Ausstellung in der Berliner Kunstbibliothek feiern. Die erste Ausgabe erschien in vier Exemplaren, die die beiden Herausgeber nicht nur komplett selbst mit experimentellen Texten gefüllt, sondern auch mit der Schreibmaschine abgetippt hatten. Ab der dritten Nummer steuerten befreundete Künstler Grafik und Fotos bei.

Als Warnke von der bevorstehenden Sprengung der Gasometer erfuhr, trommelte er Anfang Juli 1984 seine Leute zusammen und produzierte innerhalb von zehn Tagen das erste Sonderheft, das zudem die erste Themenausgabe von „Entwerter/Oder“ wurde: grüner Pappumschlag, zehn Exemplare, mit Fotos von Andreas Tesch und Dietmar Peikert.

Nach dem Abriss wurden noch Fotos der Sprengung von Harald Hauswald nachgereicht. Die Stasi war durch IM „David Menzer“ alias Sascha Anderson auf dem Laufenden. Spürbare Folgen für Warnke hatte das zunächst nicht: „Ich hatte weder einen Ausreiseantrag oder Westreisen beantragt noch Karrierewünsche. Wo wollte man da Druck ausüben?“

Repressionen ausgesetzt sahen sich hingegen Katharina Kosak und Micha Koch. Nachdem sie 1984 bei der Diplomausstellung der Kunsthochschule Weißensee – wie andere Kommilitonen auch – selbst gebastelte Proteststicker getragen hatten, wurden sie nicht nur als „Speerspitzen der Konterrevolution“ beschimpft, sondern verloren auch ihre Studienplätze. Aus ihren Stasiakten geht hervor, dass es der „Firma“ eigentlich um etwas anderes ging: Kosak und Koch engagierten sich auch in der Umweltgruppe des Pankower Friedenskreises, wo sie die Bürgerrechtler Vera und Knud Wollenberger kennenlernten.

Wie sich nach der Wende herausstellte, hat Knud Wollenberger als IM „Donald“ Informationen über sie geliefert. „Er hat sich später an nichts mehr erinnert“, erzählt Katharina Kosak ohne Bitterkeit. Nach der Exmatrikulation mussten die beiden sich und ihren kleinen Sohn als „Volkskunstschaffende“ mit der Anleitung von Laienzirkeln über Wasser halten.

„Für mich war die Wende eine absolute Befreiung“, erzählt Katharina Kosak, „ich habe nachgeholt und aufgeholt.“ Mit Künstlerfreunden besetzten Katharina Kosak und Micha Koch eine leer stehende kleine Möbelfabrik in Weißensee und gründeten den Verein „CulturLawine“, den es als Selbsthilfeprojekt noch immer gibt – auch wenn die beiden kein Paar mehr sind.

Sie haben sich engagiert, wie man es vielleicht nur mit solch einer Lebensgeschichte tun kann. „Klar waren wir naiv“, sagt Micha Koch, „aber ich rate jedem jungen Menschen: Mach was, misch dich ein, selbst wenn es nur illegal geht. Wenn der Mensch etwas braucht, dann ist da auch was Richtiges dran. Dann sind vielleicht nur die Gesetze falsch.“

Wabe Berlin, Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg, bis 31.8., Mi–So 13–19 Uhr, Begleitbuch 10 Euro, Lesung mit Uwe Warnke: Sa 16.8., 19 Uhr

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