Kultur : DDR-Comics: FDJ-Fahnen? Seh ich nicht!

Josefine Janert

Das Buch, das der Comic-Forscher Michael F. Scholz über die Bilderheftchen der DDR geschrieben hat, trägt einen provokanten Titel: "Schuldig ist schließlich jeder". Schuldig, mit Sprechblasen die ideologische Beeinflussung von Jugendlichen betrieben zu haben? Bernd Günther ist entrüstet, als er den Buchtitel hört. "Man sollte mal untersuchen, was jetzt über die Kinder hereinbricht", poltert er los. "Tote gab es bei mir jedenfalls nicht." Dann hebt der Pankower Illustrator zu einer Verteidigungsrede an. Nein, schuldig fühlt er sich wirklich nicht.

Scholz, ein Greifswalder Historiker, hat jetzt die Ausstellung über DDR-Comics in der Neuköllner Saalbau-Galerie gestaltet. Darin werden auch Arbeiten von Bernd Günther gezeigt. Günther, heute 56 Jahre alt, hatte für die Kinderzeitschrift "Atze" gezeichnet, für die Zeitschrift "Für Dich" Bildgeschichten über Jenny Marx und andere berühmte Frauen entworfen und für zwei Buchverlage Illustrationen angefertigt. Günthers Geschäfte liefen gut in der DDR. Schon kurz nach dem Abschluss seines Architekturstudiums konnte er sich den Sprung in die Selbstständigkeit leisten. Doch mit der DDR sind auch seine einstigen Auftraggeber untergegangen. Jetzt arbeitet Günther in einem Architekturbüro.

Höchst selten kramt er noch Stifte hervor, um für ein Kinderpublikum zu malen. Aber an den Wänden seines Büros hängen Bilder von Berliner Fassaden, die er für seine Auftraggeber zeichnet. Günther holt bereitwillig die alten Arbeiten aus dem Nebenzimmer, Bände wie "Ich fang dir einen großen Fisch". Darin hat er den Tagesablauf eines Anglers festgehalten, liebevoll, mit vielen Details. Ein alter Mann sitzt am Teich. Auf dem Wasser wachsen Seerosen. Mal hockt der Frosch auf dem Rosenblatt, mal darunter, mal planscht er munter in den Wellen. Günther scheint sich wehmütig an die Jahre zu erinnern, in denen diese Illustrationen entstanden. Und er scheint sich zu ärgern, dass jetzt die Frage nach ihrer ideologischen Wirkung im Vordergrund steht. Ob auf den Bildern etwas mit politischem Symbolgehalt zu erkennen sei, erkundigt er sich, seinerseits provokant. Es gebe da zum Beispiel ein paar Wimpel, hinter dem Angler. Tatsächlich, die Wimpel flattern fröhlich im Wind. Aber es sind keine Fähnchen mit Pionier- und FDJ-Zeichen, sondern unschuldige bunte Stofffetzen. Sie hängen nur zum Spaß da und nicht, damit der Sozialismus siegt.

Etwas anders sehen die Bildgeschichten aus, die Bernd Günther für "Atze" gemalt hat. So zeichnete er 1980 eine Bildfolge über Bismarcks Sozialistengesetz, Titel: "Kurier der Roten Feldpost". Günther zeigte schlaue Proletarier und fette, schnauzbärtige Offiziere und Kapitalisten. Natürlich war klar, wer am Ende siegen würde: die Agenten des Fortschritts. Arg pädagogisch wirkt das heute, mitunter aber trotzdem lustig. Günther sagt, dass er sich an politische Reglementierung "nicht erinnern" könne. Wenn er Comics zeichnete, habe ihm der Verlag nur den roten Faden der Handlung vorgegeben.

Betrachtet man die Güntherschen Zeichnungen heute, fällt vor allem die Sorgfalt auf, mit der sie gestaltet wurden. An der Illustration eines Buches, erzählt Günther, habe er ein halbes Jahr gesessen. Doch von derlei Handarbeit ist in der Neuköllner Ausstellung kaum die Rede. Dort hängt eine FDJ-Fahne von der Decke, und in einer Vitrine liegt ein Pionierausweis. Auf den Bildern sind allzu oft fröhliche Kinder zu sehen, die mutigen Soldaten Blumensträuße bringen oder sich über die Normerfüllung freuen. An einer Wand hängen die Titelseiten der Kinderzeitschrift "Frösi". Wenn man sie heute in dieser Umgebung sieht, glaubt man kaum, dass ein Kind sie jemals freiwillig angeguckt hat. Höchstens der Schneidezahn "Axel" ist eine Ausnahme im ideologischen Einerlei. Er wirbt für vernünftige Zahnhygiene und nicht für den Sozialismus. Auch die Abrafaxe wirken wie eine erquickliche Insel im roten Meer. Die drei Helden der Monatszeitschrift "Mosaik" boten einer riesigen Leserschar virtuelle Fluchtmöglichkeiten, weil sie (ohne Antrag) in so exotische Städte wie Paris und Venedig reisten.

Der Titel "Keiner zu klein, Kämpfer zu sein" geht auf eine Losung Erich Honeckers zurück, die der damalige FDJ-Vorsitzende 1948 anlässlich der Einführung einer Pionierzeitung ausgab. Günther findet es komisch, dass seine Bilder unter dieses Motto gestellt werden, zusammen mit denen anderer renommierter DDR-Zeichner übrigens. Doch Günthers Missbehagen zeigt nur das Dilemma, in dem sich die Comic-Künstler im Abrafax-Land befanden. Einerseits wurden ihre Werke tatsächlich für die ideologische Zwecke gebraucht. Und viele Zeichner machten nur zu gerne mit. Andererseits begeisterten dieselben Leute eine stetig wachsende Fangemeinde, die wahrlich nicht auf platte Jubelbildchen erpicht war. "Mosaik", das populärste DDR-Comic, erreichte trotz stetem Papiermangel eine Auflage von über 900 000 Exemplaren.

Dabei waren Comics in der DDR - wie übrigens auch in West-Deutschland - ursprünglich von den Erwachsenen misstrauisch beäugt worden. So entpuppt sich denn auch die anfänglich gestellte Schuldfrage als ein Missverständnis. Der Titel des Buches über Comics in der DDR gibt ein Zitat aus dem "Neuen Deutschland" wieder. Vollständig lautet es: "Schuldig ist schließlich jeder, der Comics besitzt, verbreitet oder nicht einziehen lässt". Bernd Günther ist erleichtert, als er das hört. "In diesem Sinne bin ich natürlich schuldig."

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