DDR-Kunst im Kunsthaus Dahlem : Dompteure der Farben und Formen

Linienuntreu: Das Kunsthaus Dahlem zeigt abstrakte Gemälde, Zeichnungen und Plastiken aus der DDR.

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Flüchtiger Passant auf dem Weg durch das Zauberreich der Zahlen und Farben. Das Gemälde "Vorübergehender" von Achim Freyer, entstanden 1968.
Flüchtiger Passant auf dem Weg durch das Zauberreich der Zahlen und Farben. Das Gemälde "Vorübergehender" von Achim Freyer,...Foto: Sammlung Achim Freyer

Da ist die Zahl 4. Im Ausstellungstitel genannt, kehrt sie in den passgenau zum Quadrat gestellten viereckigen Holzskulpturen von Horst Bartnig wieder. Und natürlich sind von jedem der vier Künstler genau vier, manchmal mehrteilige Arbeiten zu sehen. Es geht also um fein austarierte Mathematik. Die dreißig Gemälde, Zeichnungen und Plastiken der Ausstellung finden oben auf der Galerie im Kunsthaus Dahlem Platz.

Der Titel „Kunst in vier Nischen“ suggeriert aber auch: Die hier Präsentierten sollte man nicht in eine gemeinsame Ecke stellen. Und schon gar nicht in einer Schublade ablegen, auch wenn sie alle in der DDR die Fahne der Abstraktion hochgehalten haben, still und beharrlich der offiziellen Kulturpolitik zum Trotz. Wer gehört überhaupt in den kunsthistorischen Kanon der Erinnerns- und Bewahrenswerten? Zur Aufgabe von Ausstellungsinstitutionen zählt es, diese Frage immer wieder neu zu stellen.

Alle experimentierten auch mit gegenständlicher Bildsprache

Der 1889 geborene Hermann Glöckner, Senior des Quartetts, wurde in den 50er Jahren als Formalist ausgegrenzt. Zum 95. Geburtstag ehrte man ihn dann doch noch mit dem Nationalpreis der DDR. Zwei Jahre vor dem Mauerfall verstarb er. Sein einziger Schüler Wilhelm Müller ist heute völlig vergessen und nun wiederzuentdecken. Er praktizierte viele Jahre lang neben seiner Kunstproduktion als Zahnarzt. Achim Freyer und Horst Bartnig trafen in Berlin am Theater aufeinander, wo sie freie Kunst und Bühnengestaltung machten. Freyer setzte sich in den Westen ab, Bartnig blieb. Sie alle haben im Laufe ihres Schaffen irgendwann auch mit gegenständlichen Bildsprachen hantiert.

Einzig bei Achim Freyer schiebt sich nun eine blassgraue Umrissfigur durchs gegenstandslose Terrain. Der scharf umrissene Schemen bleibt ein flüchtiger Passant und Hintergrundläufer im abstrakten Zauberreich der Farbflächen, Pläne und Geraden. Als Leihgeber steuerte Achim Freyer auch die Werke des großen Altmeisters Hermann Glöckner bei. Dessen „Schwünge“ von 1984 erobern sich, beidseitig auf durchscheinendes Seidenpapier gezeichnet, mit tänzerisch präzisem Duktus den Raum. Wie ein hölzernes Kinderspielzeug liegt daneben in der Vitrine seine handliche Skulptur, in der sich die Gegensätze Schwarz und Weiß als Kreisformationen ineinander verklammern. Unnachahmlich klar und vielgestaltig hat Glöckner Möglichkeiten des Abstrakten erkundet.

Die wollten doch nur spielen

Horst Bartnig behauptet sich als Systematiker in der Runde. Immer wieder neu ein simples Setting zu variieren und seriell durchzudeklinieren, wurde ihm nie langweilig. Seine neun aus massiven Holzklötzen geschachtelten Quadratvariationen wirken fast identisch. Ihre schlichte Schönheit hat Ordnung und System. Horst Bartnigs Wandarbeiten der siebziger Jahre aus Spiegeln und beweglichen Flächen lassen an Zero und Op Art denken.

Mit Zahnseide und weißer Lackfarbe hat der 1928 im Harz geborene Wilhelm Müller ein ultrafeines Reliefbild erstellt, auf dessen Flächen allein der Schatten Texturen malt. Fotografisch abbilden lässt sich das nicht, die Augen müssen es ertasten. Wilhelm Müllers subtile Flächenstrukturen sind nicht aus Gegenständlichem abstrahiert, sondern einfach da: Minimalismus made in GDR. Dem von den Nationalsozialisten ermordeten Kollegen Otto Freundlich widmete der Künstler Anfang der neunziger Jahre eine Hommage aus farbigen Variationen, in Format und künstlerischem Gestus bescheiden. Das streng geometrische Grundraster entpuppt sich in den wechselnden Klangfarben als tendenziell unendlich.

Die vier so konstruktivistischen, konkreten, mathematikverliebten Künstler sind im Grunde alle Spieler: Dompteure von Farben und Formen, deren freies Potenzial unterschwellig anwesend bleibt.

Kunsthaus Dahlem, Käuzchensteig 8, bis 15. Januar; Mi–Mo 11–17 Uhr.

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