Kultur : DDR-Kunststreit: Den Sozialistischen Realismus neu entdecken

Nicholas Körber

Es geht um "die Verstrickung des Künstlers mit der Politik in einem diktatorischen Staat wie es die DDR war". Mit diesem Hinweis begründete am Montag der bayrische Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) die Verschiebung einer Ausstellung des Malers Willi Sitte. Die Werkschau im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg war für Juli 2001 geplant, Sitte selbst wird im Februar 80 Jahre alt. Der Fall lässt die Verstrickung von Politik und Kunst auch in der Demokratie deutlich werden. Kulturstaatsminister Michael Naumann sprach sich gleichfalls für eine Verschiebung der Ausstellung und eine sorgfältigere Vorbereitung aus.

Am 6. Dezember hatte der Verwaltungsrat des traditionsreichen Nürnberger Museums einstimmig beschlossen, mit dem Beginn der 1,2 Millionen Mark teuren Ausstellung zu warten. In dem 25-köpfigen Gremium sitzen neben Zehetmair und Vertretern der Naumann-Behörde Museumsdirektoren, Honoratioren der Stadt sowie Delegierte aus anderen Bundesländern. Grundsätzlich sei die Entscheidung des Verwaltungsrats nicht als Absage zu verstehen, so Zehetmair. Sitte werde "eine Ausstellung in Bayern bekommen", betonte der Kultusminister. Aber das Werk solle "so präsentiert werden, dass derjenige, der über Sitte nichts weiß, den dafür erforderlichen Informationsstand erhält".

Die Entscheidung entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn das Germanische Nationalmuseum hat sich seit der Wende mehr als andere Museen in den alten Bundesländern um eine Bestandsaufnahme der DDR-Kunst mehr bemüht. Sitte selbst hatte 1993 dem Nationalmuseum Materialien überlassen, die von dem Archivleiter Claus Pese für die geplante Ausstellung bearbeitet wurden. Zur Verschiebung sollen angeblich erst jetzt aufgetauchte Dokumente geführt haben, die Sittes Leben und Werk in neuem, zweifelhaften Licht erscheinen lassen. Der 79-jährige Maler aus Halle, der während des Zweiten Weltkriegs in Italien desertierte und auf Seiten der Partisanen kämpfte, war von 1974 bis 1988 Präsident des Künstlerverbands in der DDR und von 1986 bis 1989 Mitglied des ZK der SED. Auch nach der Wende bekannte sich der einstmals mächtige Künstlerfunktionär weiter zum Kommunismus.

In einem kurzfristig angesetzten Kolloquium will man nun Sittes Stellung im Kulturbetrieb der DDR intensiver erforschen. Wissenschaftliche Institute in Hamburg, Berlin und Dresden, die sich auf die Aufarbeitung der DDR-Kunst konzentrieren, werden sich an dem Projekt beteiligen und die möglicherweise neuen Erkenntnisse in die Ausstellung einfließen lassen.

Sitte, der nach eigenen Angaben von der Verschiebung erst aus der Presse erfuhr, sagte gegenüber dem MDR-Hörfunk: "Ich bin ein bisschen befremdet, weil uns nach der Wende klar gemacht worden ist: Jetzt kommen wir aus einem Unrechtsstaat in einen Rechtsstaat. Dieses Rechtsstaatbewusstsein hat sich bei mir noch nicht festigen können und sich durch solche Geschichten nicht konstruktiv entwickelt." Auf der gestrigen Pressekonferenz aus Anlass der Ausstellungsverschiebung entschuldigte sich der Direktor des Nationalmuseums, Ulrich Großmann, bei Sitte, ihn nicht früher informiert zu haben. An der Entscheidung, die Ausstellung erst nach einer Aufarbeitung der vorliegenden Dokumente zu zeigen, halte man dennoch fest, betonte Großmann. Wahrscheinlich werden die Arbeiten Sittes erst im Jahr 2003 zu sehen sein.

In Fachkreisen stößt die Entscheidung des Nürnberger Verwaltungsrates auf Verständnislosigkeit, da das geplante Kolloquium allein mit dem lapidaren Satz begründet wird, man wisse "nicht genug über Leben und Werk Willi Sittes". Dabei gilt Sitte neben Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke als einer der bekanntesten Repräsentanten der DDR-Kunst. Sittes politische Karriere und sein Beitrag zum "Sozialistischen Realismus" lassen sich in jedem Lexikon nachlesen. Es stellt sich die Frage, warum die Ausstellungsmacher sich hierüber erst jetzt informieren wollen.

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