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DDR-Roman : Über die grüne Grenze

30.12.2012 00:00 UhrVon Susanne Schädlich
Ein Riegel außen – und einer in der Seele. Das letzte erhaltene Gitterfenster des Jugendwerkhofs Torgau. Foto: picture alliance / dpaBild vergrößern
Ein Riegel außen – und einer in der Seele. Das letzte erhaltene Gitterfenster des Jugendwerkhofs Torgau. - Foto: picture alliance / dpa

Wege aus der Hölle: Grit Poppe erzählt in ihrem Roman "Abgehauen" die Geschichte einer DDR-Kindheit. Und vom Jugendwerkhof Torgau mit dragnsalierten Jugendlichen und sadistischen Erziehern.

Es war dunkel, vollkommen dunkel. Sie stand allein in der Finsternis und rührte sich nicht.“ Sie, das ist die 16-jährige Gonzo, die seit Tagen wegen rebellischen Verhaltens in Einzelhaft in einer Dunkelzelle im berüchtigten Jugendwerkhof im sächsischen Torgau einsitzt. Es ist der Spätsommer 1989. Von Veränderung oder gar Zusammenbruch der DDR ist in dem Knast, in dem sogenannte verhaltensauffällige Jugendliche zu „vollwertigen sozialistischen Persönlichkeiten umerzogen“ werden sollen, nichts zu spüren. Gonzo ist sadistischen „Erziehern“ und willkürlicher körperlicher wie psychischer Gewalt erbarmungslos ausgesetzt. Nur einen Weg aus der Hölle gibt es: Sie verletzt sich so schwer, dass sie in ein Krankenhaus muss.

Bei der Überführung in ihren Stammwerkhof nutzt Gonzo eine Pinkelpause als Gelegenheit zur Flucht.

„Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere“ heißt eine Zwischenüberschrift in Grit Poppes neuem Roman „Abgehauen“. Darin erzählt Poppe von Gonzos Odyssee durch diverse Kinderheime (im DDR-Jargon wird sie unter der Rubrik „Dauerentweicherin“ geführt), bis sie schließlich in Torgau landet. Auch hier entkommt sie und trifft in einer Schrebergartensiedlung auf den 18-jährigen René, der über Prag aus der DDR fliehen will. Sie schließt sich ihm an. Dies ist die andere Tür, die sich ihr öffnet: raus aus der DDR, „in ein Land ohne Torgau“, denn „wenn dir ein Riegel durch die Seele gerammt wird, hast du jedes Recht der Welt, nach dieser verdammten Tür zu suchen“. Gemeinsam wagen Gonzo und René den Weg über die grüne Grenze von Sachsen in die Tschechoslowakei und finden in die deutsche Botschaft, wo sie mit tausenden anderen auf dem Gelände ausharren.

Eindringlich, als wäre sie selber dort gewesen, beschreibt Poppe im zweiten Teil des Buchs die Zustände in der Prager Botschaft: die beengten Verhältnisse, das ewige Warten, den Schmutz, die Langeweile, die Zweifel, die wachsende Anspannung, die sich in Aggressionen entlädt, weil die Menschen zur Untätigkeit verdammt sind. Doch das sind nur die äußeren Umstände. Poppe geht es in „Abgehauen“ vor allem um die Verwüstungen der Seele, die Erlebnisse an Orten wie Torgau hinterlassen. Stets verflechten sich Begebenheiten mit Assoziationen. So erzeugt der Geruch von Sauerkraut bei der Essensausgabe im Hof der Prager Botschaft einen widerlichen Geschmack auf der Zunge. Gonzo hört Riegel knallen, einen Schlüssel im Schloss, „dann wird es dunkel, stockdunkel“.

Mit prägnanter Sprache und beinahe abgehackten Sätzen beschwört Grit Poppe die Schrecken herauf und schildert feinnervig die Gefühlswelt der Protagonistin. Dabei stützt sie sich auf Zeitzeugenberichte und verwebt Gegenwart und Vergangenheit. Kleinste Begebenheiten katapultieren Gonzo in die Hölle zurück . Unvermittelt ist er wieder lebendig, der „Torgauer Dreier“, eine Kombination aus Liegestütz, Hockstrecksprung und Hocke, der bis zur völligen Erschöpfung ausgeführt werden musste. Oder der „Entengang“: die Treppen hoch und runter, bis einer zusammenbricht. Die Zwangsarbeit wie das Zusammenschrauben von Waschmaschinenschaltern – und wehe, die Norm wurde nicht erfüllt. Krank werden gab es nicht. Wer sein Essen erbrach, musste das Erbrochene aufessen. Wer sich nicht mehr zu helfen wusste, schluckte schon einmal Schrauben oder Nägel.

Die Schriftstellerin Grit Poppe. Foto: picture alliance / dpaBild vergrößern
Die Schriftstellerin Grit Poppe. - Foto: picture alliance / dpa

Was bleibt, ist ein verunsicherter, misstrauischer junger Mensch, der über das schweigt, was war. „Ihr war nicht zu helfen. Niemand konnte das. Die Vergangenheit ließ sich nicht ändern. Sie hatte sich in ihr festgesetzt: in ihrem Blut, ihren Knochen, ihrem Herzen.“

Auch wenn am Ende Hans-Dietrich Genscher die Ausreise der Flüchtlinge in die Bundesrepublik verkündet und die Türen für ein neues Leben geöffnet sind: Gonzo kommt nicht los vom alten. Es verschwindet nicht einfach wie das Jugendgefängnis, das nach dem Mauerfall stillschweigend aufgelöst wurde. Gonzo begibt sich zurück an den Ort der Folter. Die Sichtblenden der Zellenfenster und der Stacheldraht sind abmontiert und verrotten im Hof, Unkraut bahnt sich überall seinen Weg: „ Schau mal einer an, da wollen sie wohl Gras über die Sache wachsen lassen.“ Solche Verknappungen und Poppes durchweg nüchterner Ton machen dieses Buch im Zusammenspiel mit den Selbstzweifeln und Verunsicherungen der Protagonistin zu einer überaus beklemmenden Lektüre.

Grit PoppeAbgehauen. Dressler Verlag, Hamburg 2012. 336 Seiten, 9, 95 €

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