Kultur : DDR-Utopien: Sozialismus für alle

Kerstin Decker

Vor 31 Jahren hatte die Jugendzeitung der DDR "Junge Welt" ein Problem. Lenin wurde hundert, und irgendetwas Großes mußte man mit dem Datum doch anfangen. Die Idee einer Tafelrunde entstand. Die Jugend der DDR des Jahres 1971 sollte sich vorwärts ins Jahr 2000 träumen, und fünfhundert "Gewinner" wurden eingeladen zum Bankett am 8. Januar 2000 in Berlin.

Man weiß, alles kam dann ein wenig anders, als man es im Jahre 1971 in einer sozialistischen Jugendzeitung träumen durfte. Doch die fünfhundert utopischen Aufsätze mussten 30 Jahre lang verschlossen in einer Holztruhe liegen. Die Filmemacher Olaf Jacobs und Holger Jancke hörten davon und fanden die Kiste schließlich im Chefredakteurszimmer der heutigen "Jungen Welt" unter einem Stapel alter Akten, genauso vergilbt wie die Utopien der einstmals Jungen. Beheizbare Straßen, fliegende Untertassen auf den Dächern, und die Sahara als größte LPG der Welt - so ewig neu-uralt las sich das. Jacobs und Jancke studierten Traum um Traum, dann standen ihre Favoriten fest: Joachim Gerlach wollte am 6. Januar 2000 mit einer sowjetischen Wunderwaffe den Dritten Weltkrieg gewinnen, Heiderose Standtke plante, den Verkehrsminister der DDR zu kreuzungsfreien Straßen zu überreden. Gerda Ruhland wollte die Arbeitsproduktivität im Automobilwerk Eisenach an einem einzigen Tag um 300 Prozent steigern, Jörg Hacker hatte vor, das Geheimnis des Lebens zu entschlüsseln und Norbert Frankenstein beabsichtigte, den "Beringdamm" - eine Landverbindung von Kamtschatka nach Alaska - einzuweihen.

Sie alle sind heute fast 50, längst vergessen die aberwitzigen Traum-Kentauren aus Weltanschauungs- und Technikphantasien. Sie alle sagten diesem Film zu und ahnten doch nicht, wie sehr sie sich selbst begegnen würden in den Schülerhandschriften, die ihnen fremd und vertraut schienen zugleich. Und was für seltsame Kontinuitäten von Traum und Leben. Der Kontinente-Verbinder Frankenstein aus Rügen studierte als einer der ersten in der DDR Japanologie, heiratete eine Japanerin, lehrte in Tokyo an der Universität und wohnte inmitten von Orangenheinen. Dort erkannte er, womit er nie gerechnet hatte: wie sehr Japan doch der DDR glich. Der zeitlebens Fernwehkranke wurde heimwehkrank. Heute fährt er, immer einen australischen Outlaw-Hut auf dem Kopf, im Mercedes zwischen seinen verschiedenen Berliner Thai-Restaurants hin und her, auch jetzt noch auf der Suche nach einer Heimat, die eine Landverbindung sein müsste wie die erträumte zwischen Kamtschatka und Alaska.

Jacobs und Jancke gelingen wunderbar intensive Porträts von sechs Menschen, die alle, tief aus der DDR kommend, jetzt mit starken mittelstandsbürgerlichen Beinen dort stehen, wo manche das Leben vermuten: im Erwerbsalltag. Jeder als sein eigener Unternehmer, auch der Dritte-Weltkrieger. Ja, sie müssen alle ihre Träume selbst vorlesen, und so liest Joachim Gerlach, 52, EDV-Techniker: "1991 siegte in Westdeutschland die sozialistische Revolution, kurz darauf in Großbritannien und Frankreich sowie den Beneluxstaaten. Nur Schweden und die Schweiz blieben weiterhin kapitalistisch und paktfrei, arbeiteten jedoch auf dem Prinzip der friedlichen Koexistenz mit den sozialistischen Staaten zusammen." An der Stelle, die den Einsatz der Wunderwaffe der Revolutionsarmee beschreibt, kann Gerlach nur noch stockend weiterlesen. Dass man sich so entsetzen kann vor dem Fast-noch-Kind, das man mal war. Vor dieser Mischung aus Lagerfeuerromantik und Verblendung. Wir werden Zeuge, wie einer, der später SED-Funktionär wurde und sogar Spion, 1989 schließlich zum Neuen Forum kam. Mehr können Porträts nicht leisten: uns ohne Schranken zu Mitwissern des anderen machen. Und zu zeigen, wie weit manche Menschen es haben bis zu sich selbst.

Übrigens: Das Jahrtausend-Bankett der Träumer fand wirklich statt, im Januar 2000 in Berlin. Über die Hälfte der Gewinner von 1971 waren dabei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar