Kultur : De Chiricos leere Fenster

Neues Bauen in Berlin: Am Potsdamer Platz schuf der italienische Architekt Giorgio Grassi mit strengen Formen ein durchaus poetisches Stadtbild

Frank Peter Jäger

Mit einem gerundeten Klinkerbau beginnt das Ensemble, das sich von der Stresemannstraße gleich beim Potsdamer Platz über 500 Meter entlang der Köthener Straße erstreckt. Es folgt der Planung des Mailänder Architekten Giorgio Grassi. 1993 hatte er den Wettbewerb zur städtebaulichen Gestaltung des Areals gewonnen. „Parkkolonnaden“ taufte der Bauherr HypoVereinsbank das aus fünf Einzelblöcken bestehende Ensemble in dem sich neben umfangreichen Büro- und Ladenflächen 77 Eigentumswohnungen befinden. Seine U-förmigen Blöcke öffnen sich zu dem künftigen, parallel zum Gelände verlaufenden Park, den markanten Schlusspunkt zum Potsdamer Platz bildet der gewölbte Kopfbau.

Giorgio Grassi gab in seinem Masterplan die Gebäudekubatur, die Lochfassade und die Materialien Ziegel und Sandstein vor. Zwei Gebäude im Zentrum des Ensembles führte er selbst aus. Die Gestaltung der übrigen drei lag in den Händen seiner Kollegen aus Zürich (Diener und Diener), Berlin (Jürgen Sawade) sowie Hamburg (Schweger + Partner). Sie zeigten viel Sinn für den strengen Rationalismus des Mailänders, und so bietet der fertige Block ein erstaunlich homogenes Gesamtbild. Die hervorragende, unter Variation des von Grassi vorgebenen Themas entstandene Architektur verbindet Minimalismus mit Materialästhetik. Sie ist wohl die „berlinische“, etwas stoizistische Antwort auf das überbordende Fassaden-Design, das Rogers und Piano direkt gegenüber am Rand des Debis-Areals entfesselten.

Unvermittelt fügte Giorgio Grassi seine Fenster in die Öffnungen des gleichförmigen Ziegelmauerwerk. Nur die weißen Fugen geben der Wand Struktur. Das architektonische ist auf seine Grundelemente Wand, Öffnung und Zwischenraum reduziert. Die Fassaden sind also radikal abstrahiert, denn jenseits ihrer Bedeutung als Außenhaut eines bestimmten Hauses stehen sie als gebaute Metapher einer Idee von Stadt, die sich aus dem italienischen Rationalismus der Dreißigerjahre ebenso ableitet wie aus den surrealen Stadtlandschaften eines Giorgio de Chirico – letzteres eine Analogie, die sich aufdrängt, denn auch Grassi geht es um überzeitliche, poetische Bilder von der Stadt.

In den sandsteinverkleideten Vorhöfen zur Köthener Straße variiert Grassi das städtebauliche Entrée-Motiv des Vorhofs. An Grassis rationalistisch nüchternen Kasten wirkt der Sandstein als Mittel architektonischer Verfeinerung etwas fremd. Ein Eindruck, der dadurch verstärkt wird, dass der Architekt die Verblendung an einigen Stellen asymmetrisch über zwei von drei Hofwänden legt. Irritationen wie diese sind gewollt, sie sind eine verschlüsselte Absage an die Vorstellung, die Geschichte des Stils verlaufe geradlinig und ohne Brüche.

Der vom Bauverständnis des Mailänders eingenommene Jürgen Sawade interpretierte dessen minimalistisches Fassadenprogramm noch konsequenter: Er ließ die Fensterrahmen hinter ihren Laibungen verschwinden, so dass der Eindruck entsteht, die Scheiben säßen unmittelbar in den Maueröffnungen – zweifellos eine ästhetische Gratwanderung. Die von Grassi zum Stadtschlitz hin vorgesehene Brandmauer gestaltete er „semitransparent“, indem er mit Glasbausteinen ausgefachte Fenster einfügte.

Jenseits solch formaler Einfälle liegt die große Stärke des Projektes darin, dass hier statt der bloßen Aneinanderreihung von Architektur echter Städtebau entstand. Grassi dachte den Raum zwischen den Bauten mit und schuf auf diese Weise einprägsame städtische Orte. So etwa die an vier Stellen quer durch den Block gelegten so genannten „Stadtschlitze“. Das sind von hohen Wänden flankierte Gassen, die die enorme Baumasse in städtebaulich verträgliche Portionen aufteilen.

Die Baseler Architekten Diener und Diener entwarfen den südlichsten, ganz dem Wohnen vorbehaltenen Block. Der an drei Seiten von Apartments umschlossene Hof ist ein stiller, weltentrückter Ort, der nichts weiß von der lauten Stadt ringsum. Seine sparsame Gartenarchitektur aus Kiefern und Sandsteinquadern erinnert an japanische Gärten. Hinter seiner Umfassungsmauer, die zugleich ein Brunnen ist, liegt die „Bernburger Treppe“, eine begrünte Treppenanlage mit bester Aussicht zum Beispiel auf die U-Bahn-Rampe.

Der am Potsdamer Platz gelegene, um vier Etagen erhöhte Kopfbau der Architekten Schweger und Partner ist wohl der einzige Schwachpunkt der Kolonnaden. Hier rückten die Architekten in der Detaillierung am weitesten vom Masterplan Grassis ab. An dieser Stelle stand einst „Haus Vaterland“. Die tropfenförmige Aufwölbung des Neubaus Fassade soll an die Stirnseite des legendären Vergnügungstemepels erinnern. Wenn sie nur ein wenig schwingen würde – doch der breiten Wölbung fehlt die Eleganz der dynamisierten Großstadtarchitektur aus den Zwanzigerjahren, an die sie erinnern soll.

Solche Schwächen werfen die Frage auf, ob das Ensemble schlüssiger geraten wäre, wenn Grassis es im Alleingang verwirklicht hätte. Sicher führt die Abwandlung seiner Motive hier und da zu Irritationen, doch ist seine städtebauliche Figur stark genug, um Abweichungen auszuhalten. Die „Parkkolonnaden“ bilden den raren Fall eines großen Developer-Projektes, dass neben seinen funktionalen Stärken Raum bot für eine bilderreiche, ja poetische Architektur. Sie wird auf „schöne“ Weise altern.

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