Debatte : Kinder schützen

Sind die Filme der Reihe GENERATION für junge Zuschauer geeignet? Zwei Positionen.

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"Sampaguita" aus den Philippinen erzählt von Straßenkindern, die Blumenketten verkaufen. Foto: Berlinale
"Sampaguita" aus den Philippinen erzählt von Straßenkindern, die Blumenketten verkaufen.Foto: Berlinale

Einige Kinder schlafen auf Pappkartons am Straßenrand. Eine schwere, schwarze Limousine rollt heran und richtet die Scheinwerfer auf sie wie auf einen Haufen Lumpen. Folgsam steht Marlon auf, reibt sich die Augen und geht an die Fahrertür. „Komm, sie rufen uns“, sagt er zu seinem Freund. Die Kinder steigen ein.

Die Szene stammt aus dem philippinischen Dokudrama „Sampaguita“, das in der Kinderfilmreihe „Generation“ läuft. In dem Film (empfohlen ab acht) sieht man Kinder, die von aller Welt verlassen sind: Eins möchte ins Waisenhaus, weil die Mutter es so prügelt, eins fängt an zu weinen, weil die Eltern es im Stich gelassen haben, eins fürchtet sich vor Entführern – „wegen der Nieren“. Wer will einem achtjährigen Kind erklären, was das bedeutet? Und was in der schwarzen Limousine vor sich geht? Oder soll man hoffen, dass die kleinen Zuschauer gar nicht erst nachfragen?

Ich begleite jedes Jahr ein sechsköpfiges Kinderreporterteam auf die Berlinale und kann diese Fragen eindeutig beantworten: Unter keinen Umständen würde ich mit den neun- bis zwölfjährigen Kindern, die mir anvertraut sind, einen Film ansehen, in dem Kinderprostitution und Organraub angedeutet sind. Es braucht keine drastischen Bilder, um alles Elend dieser Welt auf die Leinwand zu bringen, es reichen schon die verängstigten Augen des kleinen Mädchens, das sich fürchtet, weil seine Mutter sterben könnte.

Jahr für Jahr frage ich mich, warum auf der Berlinale Kindern eine Filmreihe präsentiert wird, in der Kinder in ihrer ganzen Schutzlosigkeit gezeigt werden. Jedes Jahr gibt es mehr als einen Film, in dem ein Kind sterben will oder tatsächlich Selbstmord begeht, weil sein Leben unerträglich ist. Bereiten wir so Kinder auf die Welt vor?

Florian Weghorn, stellvertretender Leiter von „Generation“, besteht zu Recht darauf, dass nicht alle 13 Langfilme in seiner Reihe so sind. Das stimmt, in diesem Jahr ist etwa die Hälfte empfehlenswert. Weghorn gibt auch zu bedenken, dass es nicht um Entertainment geht: „Wir wollen ein Spektrum dessen zeigen, was im Kino möglich ist.“ Auch das ist in Ordnung: Wenn sich Kinder in einem Film wie „Auf leisen Pfoten“ langweilen, haben sie eine wichtige Kinoerfahrung gemacht.

Aber was ist mit „Sampaguita“, mit dem iranischen Antikriegsfilm „Wind und Nebel“ (ab zehn) und seinem traumatisierten kleinen Protagonisten oder mit dem israelischen „Der Kindheitserfinder“ (ab zwölf), in dem ein Junge Stück für Stück an seiner Umwelt zugrunde geht? Man muss schon einen ausgeprägten Cineastenblick haben, um es in „Sampaguita“ beruhigend zu finden, dass das winzige Mädchen am Ende nicht überfahren wird. „Wo gehörst du denn hin, Mäuschen?“, fragt der besorgte Lastwagenfahrer. Das ist es ja: nirgends. Das Kind rennt demnächst wieder auf die Straße – und wenn es überlebt, muss es womöglich auch in die schwarze Limousine.

Es gibt Kinder, die solche Filme früh verkraften können. Aber was ist mit denen, die mit der Schulklasse hineingehen und nicht damit klarkommen? Denen können weder das Publikumsgespräch im Anschluss noch die begleitenden Lehrer helfen. Die Berlinale ist eine Institution, der Kinder und Eltern vertrauen. Die schwierigen Filme sollten wenigstens sehr viel deutlicher gekennzeichnet sein.

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