Debatte : Kinder stützen

Sind die Filme der Reihe GENERATION für junge Zuschauer geeignet? Zwei Positionen.

von

Mein Bruder hatte sich diese Wolfs-Kasperlepuppe gewünscht, er war drei oder vier. Als er sie bekam, hatte er schreckliche Angst vor ihr, er schrie in der Nacht. Also haben meine Eltern die Handpuppe vor seinen Augen in der Mülltonne versenkt, damit er wieder ruhig schläft. Ich war ein Jahr älter, ich mochte den Wolf.

Wir wissen nicht, was Kindern Angst macht. Kinder sind so verschieden wie Erwachsene. Grimms Märchen? Verlassene Kinder im finsteren Wald, eine kannibalistische Hexe, ein blutrünstiger Wolf, grausame Sachen. Kästners Kinderbücher, „Das doppelte Lottchen“, „Emil und die Detektive“? Geschiedene Eltern, Minderjährige und der Mob in der Großstadt, lauter Realitätsschocks. Ich hatte als Kind Albträume von Andersens „Kleiner Meerjungfrau“. Der messerscharfe Schmerz in den Beinen, wenn sie aus Liebe an Land geht, fuhr auch mir in die Glieder.

Und heutige Computergames, Ballerspiele? Gewaltverherrlichung, Pornografie, drastische Sterbeszenen sollen Kinder nicht sehen, so steht es im Gesetz. Aber eine simple Regel, was im Rahmen des gesetzlich Erlaubten möglich ist, gibt es nicht. Kinder unter sechs dürfen nicht allein ins Kino, die Berlinale empfiehlt auch für Ältere eine Begleitung, das ist wichtig. Dass jemand da ist, der mit ihnen das Kino verlässt, wenn sie sich fürchten, der den Wolf entsorgt und für die Angst ein Auge hat und ein offenes Ohr.

Kinder haben Mitleid, mehr als Erwachsene. Mit anderen Kindern, mit Tieren, mit Schwachen. Sie leiden oft heftiger, es trifft sie mitten ins Herz. Aber das ist kein Grund, das Elend der Welt vor ihnen zu verbergen. Man überfordert sie nur, wenn man sie damit allein lässt. Das ist Erziehung: dass Kinder verstehen lernen, in welcher Welt sie leben. Es wäre fahrlässig, so zu tun, als ginge es allen gut. Was nicht heißt, dass sie mit sechs „Tagesschau“ gucken müssen. Was können wir Kindern zutrauen, das ist die Frage. Ja, wir können ihnen zutrauen, dass sie im Kino Kinder sehen, denen es dreckig geht. Zumal auf der Berlinale, mit Gesprächsangeboten danach. Und es kommt auf den Film an.

„Sampaguita“ folgt Straßenkindern, die nachts in Manila Ketten aus weißen Blüten verkaufen; sie blühen nur wenige Stunden. Die Handkamera folgt den Kids auf Augenhöhe, auch als sie vor der Polizei wegrennen. Man kann sich in die Lage der Kinder versetzen, aber das allein genügt nicht: Realität erklärt sich nicht von selbst. Also gibt es kurze Interviews, in denen die Kinder von ihren Träumen und Ängsten erzählen. Auf der anderen Seite der Kamera ist ein Erwachsener, der nachfragt, sie sind nicht allein. Der Junge, der Angst vor den Entführern hat, die „unsere Nieren“ wollen, sagt diesen kurzen Satz, eine Horror-Wirklichkeit. Versteht ein Achtjähriger, dass es um Organhandel geht? Müssen wir ihn davor mehr beschützen als vor dem Horror der Märchen? Was hat der mit der Niere gesagt? Was machen die Männer in der Limousine? Wenn wir Erwachsenen sagen, das überfordert ein Kind, wollen wir uns selbst davor schützen, Antworten finden zu müssen.

Der Film baut übrigens einen Schutzmechanismus ein, ein Denk- und Gesprächsangebot: Unmittelbar nach dem Satz mit der Niere ist ein Mädchen mitten in der Nacht verschwunden. Ein paar Straßen weiter wird sie aufgelesen, in einem besseren Viertel, sie ist wohlauf. Das ist beruhigend, nicht nur für Achtjährige.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar