Debatte um Weidermanns "Lichtjahre" : Angriff der Gegenwart

Literaturkritik als Kulturkampf: Warum über Volker Weidermanns Buch „Lichtjahre“ so heftig gestritten wird

Gregor Dotzauer

Und nächste Woche, lautet eine alte Regel, die auch für die Literaturkritik gilt, wird die nächste Sau durchs Dorf gejagt. Dafür aber hält der Streit um „Lichtjahre“, Volker Weidermanns „kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“, schon zu lange an. Für eine vordergründig betriebsinterne Angelegenheit wird er zudem mit seltener Verbissenheit und Akribie geführt. Nach dem publikumswirksam inszenierten Skandal um Martin Walser, der in seinem Roman „Tod eines Kritikers“ mit einer Mordfantasie an einem Alter Ego von Marcel Reich-Ranicki spielte, handelt es sich um die erste substanzielle Feuilletondebatte seit Jahren – gerade, weil sie sich mit ihrem Gegenstand nur ein Ventil gesucht hat. Denn in Wahrheit geht es um mehr als das Buch und Literaturkritik im engeren Sinne.

Als Literaturgeschichte ist Weidermanns verdienstvolle Porträtsammlung nicht einmal provokant genug, um jene Energien zu mobilisieren, die zu einer regelrechten Artikelschwemme geführt haben. Insofern sind die Einwände, wie sie auch im „Tagesspiegel“ zu lesen waren (in Rainer Moritz’ Rezension vom 2. April) zutreffend, aber sekundär. Dass Weidermann fragwürdige Gewichtungen trifft – geschenkt. Dass er Fehler macht – passiert. Dass Weidermann einen rein biografischen Zugang zu den von ihm porträtierten Autoren sucht und ihre Texte weitgehend ignoriert – ärgerlich. Doch selbst das hätte man ihm nachgesehen, wenn die kurzatmige Wiederholungsrhetorik seiner Texte nicht einen so abenteuerlich psychologisierenden Illustriertenton entwickelte.

Es ist das unterschiedslos über grundverschiedene Autoren Hinwegsegelnde bei gleichzeitiger Lust am harschen Urteil, das viele gegen den „FAS“-Redakteur aufgebracht hat. Eine Haltung, die auch in der Ablehnung die Affirmation des Ganzen sucht. Aber selbst das erklärt nicht den aufgestauten Furor, der sich nun an Weidermanns ich-sagendem Verzückungsjournalismusaustobt: einem Fall, der für eine Tendenz steht, einem Mann, der einer Sachdebatte wider Willen ein Gesicht gegeben hat. Die „Emphatiker“, die Hubert Winkels in der „Zeit“ entdeckte, prallen dabei auf die „Gnostiker“: Anwälte der literaturkritischen Leidenschaft auf Anwälte der Erkenntnis. Vieles spricht dafür, dass sie nur den fahlen Widerschein eines stillen Kulturkampfs verkörpern, der sich tagtäglich in der Republik abspielt.

Auf der medialen Ebene spiegelt er die wachsende Verständnislosigkeit für das spezifische Gewicht kultureller Werte. Ein Auseinanderbrechen der Erwartungen an zeitgemäße Berichterstattung – und die Beharrlichkeit, mit der ihnen anachronistisch wirkende Gehalte entgegentreten. Auf einer allgemeineren Ebene spiegelt er die Widersprüche zwischen der rituellen Beschwörung humanistischer Bildung und dem Unwillen, sie sich zur Aneignung auch den Schweiß des Denkens kosten zu lassen.

Man frage Professoren, Lehrer oder Rundfunkredakteure, und man wird einem Gefühl begegnen, das über die bekannten kulturpessimistischen Klischees hinausgeht. Zerstreuungswut, Populismus, die ewige Schlacht zwischen Geist und Geld – all das mag es geben. Doch es rüttelt, mitten im deutschen Subventions- und Bücherparadies, noch etwas Grundsätzlicheres am humanistischen Selbstverständnis: eine Unfähigkeit, der eigenen Tradition über das Zitieren hinaus Sinn zu verleihen. Die Situation lässt sich mit einem Wort von Alexander Kluge beschreiben als „der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“.

Wie jede Kunst wird auch die Literatur nicht zweimal im Jahr, pünktlich zur Leipziger und Frankfurter Buchmesse, neu erfunden. Sie hat, um einmal nur die deutsche zu nehmen, vom „Hildebrandslied“ bis zu W. G. Sebald eine mehr als tausendjährige Geschichte, und die Erinnerung an sie tut not, um Maßstäbe zu gewinnen, was man getrost hinter sich lassen kann und was nicht.

Anders als im selbstbewusst zwischen Kunst und Jahrmarkt changierenden Kino spielt in der Literatur die Abgrenzung gegen Kunsthandwerk und Jugendkultur noch eine entscheidende Rolle. Das ist ein Grund, warum die Debatte auf dem Feld der Literaturkritik ausgetragen wird. Ein zweiter besteht darin, dass sie ihr Geschäft in eben dem Medium betreibt, das sie kritisiert.

Der Literaturkritiker ist gewiss kein besserer Mensch. Aber im Idealfall geht er besonders sorgfältig, bewusst, ja misstrauisch mit Sprache und Tonlagen um. Wenn Weidermann über Gottfried Benns Gedichte schreibt, kann man das nicht behaupten. Sie „strahlten ja wirklich“, heißt es da. „Sie klangen wie sonst nichts. Das konnte, kann sonst keiner. So klar, einsam, stark, hell, wundersam, hoffnungslos, weise, wissend, fragend und einfach sehr, sehr schön.“

Der Begriff der Gnosis, den Winkels gegen eine derartige Totalemphase in Anspruch nimmt, um gleichzeitig auf eine Versöhnung von Temperament und Analyse zu hoffen, klingt abschreckend. Doch man kann ihn ruhig ernst nehmen: Gerade auf die religiöse Note kommt es an. Solange Kunst darüber nachdenkt, welche Stellung der Mensch im Universum einnimmt, muss man auch unter säkularen Bedingungen die alten metaphysischen Fragen stellen. Nur wenn man die Glaubenskämpfe von Dostojewski und Tolstoi und die moralischen Konflikte von Albert Camus und Graham Greene für so unnützes Zeug hält wie die Weltbeseelungsgebete von Peter Handke, kann man sich davon lossagen.

Literaturjournalismus hat zweifellos andere Funktionen als Literaturwissenschaft. Doch sie sind einander näher, als es aussieht. Akademiker spüren nicht nur Metonymien und Anakoluthe auf, derweil die lustigen Gesellen aus den Medien von Spannung, Vergnügen und Identifikation schwärmen. Auch die Unterscheidung, derzufolge Journalisten für den Tag schreiben, Wissenschaftler dagegen für die Ewigkeit, greift zu kurz. Nicht nur, dass universitäre Moden den Zugang zu Texten oft schnell verschütten, auch Literaturkritiker schätzen Bücher auf ihre Verderblichkeit hin ein. Jenseits unbezweifelbarer Vorlieben setzt man blindes Gefühl an die Stelle der ästhetischen Vernunft, wenn man glaubt, dass es nicht für jedes Urteil nachvollziehbare Gründe gibt.

Das Problem bei Weidermann ist vielmehr, dass er tagesjournalistische Texte nun in einem Buch verwurstet, das Subjektivität einräumt, doch Haltbarkeit beansprucht. Und es ist sein Vorbild und erklärter „Lehrer“ Marcel Reich-Ranicki. Kein zweiter jüngerer Kritiker träumt davon, Reich-Ranickis Präzeptorenrolle zu beerben – vom Tribunalcharakter der einschlägigen Rezensionen und dem an Lukács geschulten Klippschul-Realismus, an dem er literarische Werke misst, zu schweigen.

Am Ende, ließe sich sagen, entscheiden die Leser. Wenn sich damit ein Zutrauen in die Selbstreinigungskräfte des Marktes verbindet, wird es ein böses Erwachen geben. Wenn es aber bedeutet, dass die Minderheit, die an der Sache der Literatur festhält, sich auch nur um einen einzigen Kopf vergrößert, ist dies eine fruchtbare Debatte.

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