Debattenkultur : Worüber wir reden

Ob Schießbefehl, Nazivergangenheit oder Klimawandel: Debatten verändern die Welt - aber nicht zwangsläufig. Vorallem mediale Kopfgeburten wie die Wieder- nicht aber Neuentdeckung des viel diskutierten Schießbefehls machen dies deutlich.

Thomas Brussig
Stasiarchiv Foto: Boening/Zenit/laif
Akten, Akten, Akten - und immer an den Leser denken. In der Berliner Zentralstelle des Stasirachivs. -Foto: Boening/Zenit/laif

Nun also der Schießbefehl. Ein Fund in einer Außenstelle der aus dem Gerede gekommenen Birthler-Behörde ist tagelang Anlass für die Spitzenmeldungen der wichtigsten deutschen Nachrichtensendungen. Fast jeder Beitrag zeigt nicht nur das Dokument – ein dünnes Papier, auf dem im Prä-Computerzeitalter sogenannte Durchschläge geschrieben wurden –, sondern auch Aktenschränke, ach was, Aktenwände, so schwer, dass sie sich nur mit einer Drehhebelmechanik bewegen lassen.

Was der Kontrast zwischen dem federleichten Fund und dem tonnenschweren Fundort einleuchtend erklärt: Es dauert eben seine Zeit, bis die Aktenberge abgetragen sind. Dass der spektakuläre Fund erst heute gemacht wurde, ist doch nur logisch, erzählen uns die Nachrichtenbilder – obwohl zugleich öffentlich wurde, dass ein Schriftstück von nahezu identischem Sinngehalt seit zehn Jahren in einer Publikation des nicht unbedeutenden Verlags Christoph Links nachzulesen ist. Was medial wie eine Entdeckung begangen wird, ist de facto nur die Wiederentdeckung, und alle Argumente, die heute ausgetauscht werden, hätten schon vor zehn Jahren ausgetauscht werden können. Warum geschah dies damals nicht?

Woran sich Debatten entzünden, ist eines der letzten großen Rätsel der Mediengesellschaft. Wenn es Chefredakteure und Feuilleton-Redakteure in der Hand hätten, würden sie pausenlos Debatten generieren. Grass bei der SS, das war noch was (auch wenn es angeblich längst bekannt gewesen war), während es bei Walser, Hildebrandt und Lenz selbst im Dreierpack nur zur Meldung reichte. Goebbels-Vergleiche gehen grundsätzlich nach hinten los, werden aber unverdrossen in die Welt gesetzt. Goebbels-Vergleiche sind das Einzige mit einer Art Medienwirksamkeitsgarantie.

Im Ausland, besonders in Amerika, wundere man sich über die Debatten der Deutschen (erzählen uns jene, die ausländische/amerikanische Zeitungen lesen). Auch ich wundere mich über die Debatten der Deutschen. Sei es die Walser-Friedenspreis- oder die Walser-Tod-eines- Kritikers-Debatte, sei es die Holocaustmahnmalgraffitischutz-Debatte, sei es die Grass-war-bei-der-SS-Debatte oder die jetzige Schießbefehl-Debatte: Das, worüber wir reden, hat nicht den geringsten Einfluss auf unser Leben. Es ist wie beim Fußball: Hier wie da wird eine Erregung mobilisiert, die sich wieder legt – und alles ist wie früher. Debatten sind das intellektuelle Event unserer Gesellschaft. Denn egal, wie diese Debatten ausgehen: Unser Leben verläuft unbeeindruckt weiter. Diese Debatten sind deshalb Luxus.

Nun ist Luxus etwas Schönes – aber er provoziert regelmäßig die Frage: Können wir uns diesen Luxus überhaupt leisten? Nicht wirklich. Denn indem wir uns mit den unwichtigen Dingen beschäftigen, vernachlässigen wir die wichtigen. Nun gibt es, zugegeben, Debatten, die nicht unwichtig sind. Mit der BSE-Krise von 2001 schien es für ein, zwei Wochen, dass wir wirklich bereit sind, darüber nachzudenken, was bei uns auf den Tisch soll. Seit der Rütli-Schule ist Integration zur Existenzfrage unserer Gesellschaft avanciert, völlig zu Recht übrigens. Schirrmachers alarmistisches „Methusalem-Komplott“ hat eine wichtige Frage aufs Tapet gebracht: Wie organisiert sich eine unweigerlich alternde Gesellschaft? Und seit Pisa, weiß jeder Lehrer, ist nichts mehr wie zuvor.

Es gibt also Debatten, die uns was angehen, und es gibt Debatten, die uns nichts angehen. Interessanterweise werden beide Arten von Debatten unterschiedslos geführt. Ich hätte nichts dagegen, wenn es U- und E-Debatten gäbe. Oder White-Collar- wie Blue-Collar-Debatten. Oder Vergangenheits- und Zukunftsdebatten. Die U-Debatte überhaupt ist dieHolocaustmahnmalgraffitischutz-Debatte. Man möge mich fragen, warum nicht die Walser-Friedenspreis- oder die Walser-Tod-eines-Kritikers-Debatte oder die Grass-war-bei-der-SS-Debatte Prototypen von U-Debatten sind: Weil von jenen mindestens ein lebender Mensch unausweichlich betroffen war. Trotzdem waren es U-Debatten, denn unser Leben blieb danach das gleiche.

Es ist eine seltsame Eigenschaft von U-Debatten, dass die sich am höchsten gehandelten Intellektuellen am liebsten dort tummeln. Da wird ein rhetorisches Besteck ausgebreitet, dann wird einmal für das staunende Publikum gekocht – und dann entschwindet der Star-Intellektuelle wieder. Diese Vorführungen strotzen nur so vor einleuchtenden, brillanten Gedanken und klaren Formulierungen, sie greifen Stichworte vorangegangener Debatten wieder auf und hinterlassen nicht selten ein neues Wort – aber sie haben keinen Einfluss auf unser Leben. U-Debatten sind eine Art Endrunde unserer Meinungsführerkaste. Was da angerichtet wird, ist wunderbar gewürzt, verziert und duftend – aber es macht nicht satt. Luxus.

Die Rhetorik der Nazivergangenheitsbewältigungsdebatte, der Königsdisziplin der U-Debatten, war und ist so bestechend, dass eine DDR-Vergangenheitsbewältigungsdebatte nie eine Chance hatte. Wortwahl und Argumente wurden der DDR einfach übergestülpt – was eine eigene DDR-Aufarbeitung bis heute behindert. Und nur so konnte die Kluft zwischen jenen, die den „SED-Staat“ (sic!) geißeln, und jenen, für die „nicht alles schlecht war“, überhaupt entstehen.

In den E-Debatten sind die Themen handfester, dichter am Leben – und für Intellektuelle, die gern in Büchern leben, schwieriger zu handhaben. Nicht selten werden in diesen Debatten Experten um ihre Meinung gebeten. Das traurige Ergebnis: Kompetenz weiß sich nicht zu verkaufen. Die Verkürzungen, Vergröberungen, Ironisierungen, kurz: alles, was einem Beitrag hittauglich macht, geht einem Wissenschaftler ab. Jemand, der sein Leben lang so formulierte, dass er nicht angreifbar ist, muss zwangsläufig versagen, wenn es darum geht, Auffälligkeit zu produzieren. Es ist einem Experten, der um die Komplexität einer Materie weiß, einfach zuwider, seinen Gegenstand so weit zu versimpeln, bis ihn auch der Letzte versteht.

Es gibt Debatten, die wichtig sind, und es gibt Debatten, die unwichtig sind, wobei sich letztere durch ein exzellentes rhetorisches Niveau auszeichnen.

Nun ist es aber nicht so, dass U-Debatten in den Chefredaktionen designt und hernach inszeniert werden. Bestimmte Themen haben ein Erregungspotenzial – und über das herrscht so lange Ungewissheit, bis die Erregung da ist. Es gibt auch unter meinen Autorenkollegen einige, die sonst was dafür gäben, wenn sie professionelle Debattenanstoßer wären – aber die Gesellschaft will sich nicht erregen, bleibt träge, egal, was die kraftmeiernden Kollegen da auch versuchen.

Es ist mit den Debatten ein bisschen wie im Kindergarten: Wenn die Kindergartentante in Gestalt des Feuilletons in die Hände klatscht und ruft „Kommt, wir spielen jetzt ein bisschen Klimadiskussion!“, winken die Kinder den einen Tag ab, während am nächsten alle begeistert aufspringen und mitspielen. Es ist etwas höchst Unberechenbares, was den Ausbruch von Debatten angeht. Nur Goebbels-Vergleiche, die funktionieren immer.

Und leider funktioniert eine Debatte umso weniger, je mehr sie im Ergebnis jedem Einzelnen Konsequenzen abverlangt. Es ist einfach bequemer, sich mit Fragen zu beschäftigen, die nicht von einem verlangen, sein Leben, seine Gewohnheiten zu verändern. Während die U-Debatten etwas von yellow press haben: Jeder, vor allem auch jeder Leser, kann mitreden (wobei hier lediglich ein bestimmter Bildungs- und Kulturhorizont vonnöten ist), es geht um Personen (nicht um Bohlen, sondern etwa Grass/Walser/Handke), der Konflikt sowie die Szenerie sind leicht erklärt. Wenn es dann um etwas geht, was jeder auch von sich kennt, kann sich eine Erregung entzünden. Und wer hat denn keine Leiche im Keller, wer hat noch nie das Falsche gesagt und wollte sich dafür nicht entschuldigen, wer hat sich niemals unter zwielichtige Freunde begeben, wer hatte noch nie Lust, jemandem etwas auszuwischen?

Automobilindustrie und Energiewirtschaft werden gezwungen, sich an bestimmte gesetzliche Vorgaben hinsichtlich Schadstoffausstoß oder Energiemix zu halten. Das funktioniert reibungslos, obwohl administrativ verordnet. Warum also geben die Medien nicht eine Art Selbstverpflichtung ab, in der Art, dass bis spätestens 2012 drei von vier Debatten Zukunftsdebatten sind? Themen gäbe es: Brauchen wir die Bundeswehr? Wie gestalten wir den Datenschutz in Zeiten terroristischer Bedrohung? Geht es unseren Kindern gut? Was für Schulen brauchen wir und was für Universitäten? Was erwarten wir von unserem Gesundheitssystem?

Alles Themen, die erst mal nicht sexy klingen. Aber die Lebensfragen einer freien Gesellschaft gehören in eine freie Presse, und deren Nichtbehandlung lässt die Möglichkeiten einer freien Presse ungenutzt. So gesehen, ist die (natürlich utopische) Debatten-Quotierung kein Angriff auf die Pressefreiheit, sondern ein Akt zur Verteidigung derselben. Der jüngste Vorstoß des Journalistenverbandes, ausländische (sprich: rein renditeinteressierte) Investoren aus der deutschen Medienlandschaft per Gesetz fernzuhalten, zielt in eine ähnliche Richtung – nur dass in renditeorientierten Medien Pressefreiheit faktisch schon keine Rolle mehr spielt. Medien, die nur zu Renditezwecken existieren, verdienen die Bezeichnung Presse nicht mehr, und wo keine Presse, da ist auch keine Pressefreiheit.

Feuilleton-Debatten sind etwas Wunderbares, denn sie erlauben einer überschaubaren, doch nicht hermetischen Gruppe Einzelner, weit und gründlich zu denken, noch dazu vor aller Augen. Wenn die schönen Debatten wichtiger wären und die wichtigen Debatten schöner, dann gäbe es in Deutschland eine Debattenkultur, um die wir zu beneiden wären. Einen unverzichtbaren Luxus.

Thomas Brussig lebt als Schriftsteller in Berlin. Von ihm erschienen zuletzt der Roman „Wie es leuchtet“ und die Reportagensammlung „Berliner Orgie“.

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