Debbie Harry im Interview : „Ich bin ein Citygirl“

Blondie-Sängerin Debbie Harry über Haare, Krieg, Heimat und das Album "Tht Curse Of Blondie"

Nadine Lange

Das neue BlondieAlbum hat einen seltsamen Titel. Weshalb haben Sie es „The Curse Of Blondie“ (Der Blondie-Fluch) genannt?

Das war als Witz gedacht. Es sollte dumm und lustig klingen. Außerdem ist es eine Referenz an Horrorfilme wie „The Curse of the Mummy“.

Sie haben gesagt, dies sei das beste Album von Blondie. Das ist eine Phrase, die Künstler bei jedem neuen Werk benutzen.

Wir empfinden es aber so, weil wir unsere Fortschritte sehen. Alles ist besser geworden: das Songwriting, die Performance und die Technik.

Es gibt auf dem Album neben Popsongs auch wieder eine große Bandbreite verschiedener Stile von Rap über jazzige Elemente, ein japanisches Traditional bis hin zu einem Hardrocksong. Was war für Sie als Sängerin die größte Herausforderung?

Wahrscheinlich das Stück „Songs of Love“, das ich besonders flüssig singen wollte. Es soll wie eine Crooner-Ballade klingen. Schwierig waren einige sehr hohe Töne.

Das Stück „Hello Joe“ ist dem verstorbenen Joey Ramone gewidmet. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Ich denke an ihn als großartigen Rock’n’Roll-Menschen. Er hat gute Songs geschrie ben, war ein toller Sänger und hat immer andere Bands unterstützt. Er war ein echtes Sweetheart. Ich wünschte, er wäre noch hier, denn die Welt ist voller Ärsche, und er war keiner.

Die Single „Good Boys“ ist ein eingängiger Disco-Song. Gehen Sie selber noch Tanzen?

Na klar. Ich liebe Tanzen. Ich gehe in kleine, intime Clubs, in denen eine Mischung aus Dance-, House-, und Rockmusik gespielt wird. Mir gefällt diese Vielfalt. Ich bin ein Citygirl. In großen Städten hat man das Glück, alle Arten von Musik hören zu können.

Aus New York kommt derzeit viel beachtete Rockmusik. Wie gefallen ihnen Bands wie die Yeah Yeah Yeahs oder The Strokes?

Ich mag sie sehr. Sie sind großartig. Die Strokes sind sehr gute Songwriter. Ich habe sie auch auf der Bühne gesehen und getroffen. Ich hoffe, sie haben eine große Zukunft.

Sie leben jetzt schon seit rund vierzig Jahren in New York. Was vermissen Sie, wenn sie an die alten Tage zurückdenken?

Damals gab es einen dunkleren Aspekt von New York. Es war nicht alles so sauber und perfekt. Ich mochte diIe schäbigen Ecken der Stadt. Inzwischen sind aus den armen Gegenden der Stadt reiche Gegenden geworden.

Können Sie sich vorstellen, aufs Land zu ziehen oder zurück nach New Jersey?

Ich bin ja nicht nur in New York, sondern verbringe auch viel Zeit außerhalb – auf Reisen oder auch in Jersey. In New York bin ich vor allem aus geschäftlichen Gründen und um zu arbeiten. Trotzdem identifiziere ich mich mit der Stadt und finde das Leben hier aufregend. So bekomme ich das Beste aus beiden Welten. Damit bin ich sehr glücklich.

Während Sie an der neuen Platte arbeiteten, wurde das World Trade Center zerstört und die USA zogen in den Krieg. Haben diese Dinge die Arbeit der Band beeinflusst?

Die meisten Songs waren schon im August 2001 fertig. Aber auch Stücke, die später kamen, sind nicht von den Anschlägen oder den darauf folgenden militärischen Konflikten beeinflusst. Allerdings haben wir in unsere Live-Shows einen alten Song wieder aufgenommen. Er heißt „War Child“ und wurde während der Falkland-Krise in den Achtzigern geschrieben.

Können Sie sich vorstellen einen Song über den 11. September oder den Krieg zu schreiben?

Ich habe gemischte Gefühle zum Thema Unterhaltung und Politik. Ich weiß nicht, wo meine Verantwortung liegt: Soll ich die Leute unterhalten und sie von ihren Sorgen ablenken oder soll ich Stellung beziehen, meine Meinung sagen? Es gibt zumindest einen Song, den ich schon immer aufnehmen wollte. Er handelt von Diktatoren und heißt „Wanted dead or alive“. Den werden wir auch live spielen.

Ihre blonden Haare sind seit den Siebzigern das optische Markenzeichen von Blondie. Sie färben sie noch immer. Haben Sie das nicht über?

Doch, ein bisschen schon. Ich komme davon einfach nicht los. Manchmal denke ich daran, wieder zu einer natürlicheren Farbe zurückzukehren. Mal sehen.

Wissen Sie eigentlich, welche Farbe inzwischen unter dem Blond ist?

(Lacht). Nein, ich weiß es nicht. Sie können vorbeikommen und sich die Wurzeln ansehen. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus Braun mit etwas Grau. Das klingt zumindest einleuchtend, oder?

Das Gespräch führte Nadine Lange

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