Debüt von Doris Anselm : Trieb und Verirrung

"und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus": Die Berliner Autorin Doris Anselm debütiert mit Kurzgeschichten.

Tilman Strasser
Gewinnerin des Berliner Open Mike 2014. Doris Anselm.
Gewinnerin des Berliner Open Mike 2014. Doris Anselm.Foto: Heike Bogenberger/Verlag

Der Mann ihrer Leidenschaft ist eine seltsame Figur: „M. Kashani ist ungefähr 30 Jahre älter als ich und zehn Zentimeter kleiner, er sitzt den ganzen Tag auf einem Hocker, seine Manschetten glänzen speckig im Licht des U-Bahnhofs, er hat noch nie einen ganzen Satz zu mir gesagt außer Was soll sein für Sie, und ich liebe ihn.“ Die Erzählerin in Doris Anselms Kurzgeschichte „Lametta“ ist eigentlich in der glamourösen Business-Welt unterwegs. Doch sie verzehrt sich nach ihrem Kioskverkäufer wie nach den Snickers, die er über den Tresen schiebt – bis sie ihn fast frisst.

In „Lametta“ fällt auch der Satz, der Anselms Debüt seinen Namen gibt: „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“. Der Band versammelt Storys über Figuren auf der Kippe. Er erzählt von einem Jugendlichen, der seinen Frust an einer Zufallsbegegnung abreagieren will. Oder einem Ehemann in spe, der als bizarres Gelöbnis erwägt, sich den Ringfinger brechen zu lassen. Die im Titel anklingende Gewalt findet durchaus Widerhall in den Erzählungen der 1981 in Buxtehude geborenen Autorin. 2014 gewann die Wahlberlinerin den Open Mike.

Doch je skurriler die Einfälle, desto subtiler setzt sie Doris Anselm in Szene. Die Texte erinnern mal an den melancholischen Ton einer Judith Herrmann, mal an die scharfsinnigen Gegenwartsanalyse eines David Foster Wallace. So lässt sich „Lametta“ als Metapher auf die fehlgeleitete Gier einer Unternehmensberaterin lesen, aber zugleich als feinsinnige Schilderung einer rätselhaften Triebverirrung. Dass die großen Vergleichsnamen noch eine Spur zu groß sind, liegt weniger an einigen schwächeren Entwürfen als an Anselms Experimentierwut. Da steht ein konventionelles Konstrukt neben einer Fragmentmontage, ein atmosphärisches Stück neben einer Parabel über Technokratie und Natur. Dem Band fehlt ein gemeinsamer Fokus. Lesen lässt er sich durch das Nebeneinander dennoch wunderbar.

Gleich in der ersten Geschichte, „einer kalten Natur“, zieht eine Familie auf ein Land, das sich nach der Stadt sehnt: „Die Fäden verlaufen nicht mehr nur unter dem Wald und den Feldern. Sie haben den Stadtrand erreicht. Ihre dünnsten Spitzen tasten schon in den Leib der Metropole.“ Auf wenigen Seiten führt Anselm die verbissenen Bemühungen der Familie, sich wohlzufühlen, mit den Bewegungen der Natur parallel. Diese Raffinesse und ein Gespür für vielversprechende Erzählanlagen ist allen Texten gemein. Statt mit einem womöglich halbgaren Roman lässt sich auch heutzutage noch wunderbar mit Kurzgeschichten debütieren.

Doris Anselm: und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus. Erzählungen. Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 192 Seiten, 18 €.

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