Debütalbum von Carla dal Forno : Schlafwandlerin im Spukhaus

Zufälle erwünscht: Auf dem Debütalbum der australischen Klangforscherin Carla dal Forno ist der Weg das Ziel. „You Know What It’s Like“ ist eine dunkle, hypnotische Platte.

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Carla dal Forno
Von Melbourne nach Berlin. Die Elektrosongwriterin Carla dal Forno.Foto: Marijn Degenaar

Drei Singles hat Carla dal Forno bereits aus ihrem Solo-Debütalbum „You Know What It’s Like“ veröffentlicht. In dem Video zum Song „Fast Moving Cars“ verfolgt die Kamera die Musikerin wie sie durch die Natur in der Nähe ihrer Heimatstadt Melbourne schweift. Scheinbar ziellos und doch geraden Schrittes. Am Ende streift sie sich die Klamotten vom Leib und springt einfach in den Fluss, der sich neben ihrem Pfad vorbeischlängelt.

Die beiden anderen Clips spielen bereits in Berlin, der Stadt, in der sie seit gut einem Jahr lebt und in der der größte Teil ihrer Platte entstanden ist. In den Kurzfilmen zu „You Know What It’s Like“ und „What You Gonna Do Now?“ lässt sich die Musikerin wieder in vermeintlich privaten Momenten beobachten. Man sieht, wie sie in unterschiedlichen Appartements aufwacht, in denen sie sich erst orientieren muss. Oder sie irrt in Schwarz- Weiß-Bildern wie in dem Berlin-Drifter-Film „Oh Boy“ durch die Berliner U-Bahnen, ruhig und scheinbar ziellos.

Die drei Videoclips illustrieren gut, wie Carla dal Forno auch an ihre Musik herangeht. Einen wirklichen Plan, wie diese auf ihrer Platte einmal klingen soll, habe sie nie gehabt, vor den Aufnahmen nicht und während diesen auch nur ungefähr, erklärt sie in einem kleinen Café in Friedrichshain. Sie habe sich einfach immer weiter vorangetastet, mal mit diesem Synthesizer herumgespielt, dann mit jenem. Alles sei ein ständiges Ausprobieren gewesen. „Ich wollte vor dem Spielen neuer Geräte und Instrumente gar nicht wissen, was dabei am Ende herauskommt“, sagt sie.

Verwaschene, unfertige Songs

Man hört der Platte deutlich an, dass bei Carla dal Forno der Weg das Ziel ist. Spärliche Basslinien verlieren sich im Unterholz der Songs, Synthies zuckeln schleppend vor sich hin und Carla dal Fornos hallige Stimme, die klingt, als gehöre sie einer Schlafwandlerin auf Codein, verursacht beim Hörer eine lähmende Wirkung. Die meisten Aufnahmen entstanden in ihrer Küche, erzählt sie. Die Songs klingen dementsprechend verwaschen und unfertig. „An manchen Stellen kann man das Geräusch hören, wie ich die Tasten eines Synthesizers herunterdrücke“, sagt sie. Pop ist oft das Polieren der perfekten Oberfläche, Carla dal Forno versucht genau das Gegenteil. Wahrscheinlich klingt ihre Musik gerade deshalb so unheimlich – und so unheimlich hypnotisch.

Zur Musik kam die Endzwanzigerin eher zufällig. Sie studierte Kunst in Melbourne und wollte Malerin werden. Ein Freund gab ihr den Anstoß, sich näher mit Musik zu beschäftigen. Sie lernte Gitarre spielen und stieg bei der Band Mole House ein, die naiv-netten Gitarrenpop spielte, ein wenig wie die berühmte australische Band The Go-Betweens. Vor rund fünf Jahren war das. Eine Weile später gab es dann schon eine ganz andere Carla dal Forno zu hören. Als Mitglied zwei weiterer Bands veröffentlichte sie Platten, mit F Ingers und Tarcar. Beide Gruppen spielten elektronische Psychedelic, Geräuschmusik, und Carla dal Fornos Stimme klingt bei beiden wie in Acid getränkt, verfremdet und vernebelt.

Mit ihrer Soloplatte strebt sie eine Art dialektische Verbindung ihrer musikalischen Vergangenheit an. Sie schreibt wieder richtige Songs, wie in ihrer Anfangszeit, die Musik klingt aber dennoch so elektronisch-experimentell wie in den Bands, in denen sie zuletzt tätig war. Wie eine klassische Singer-Songwriterin strukturiert sie ihre Lieder, aber eben nicht mehr mit der Gitarre, sondern mit elektronischen Spielzeugen. Die Gitarre, sagt sie, habe sie beschränkt, die Elektronik gebe ihr die Freiheit zum Ausdruck, die sie gesucht habe.

Am Ende kommt dabei eine Platte heraus, so zerrissen und dunkel, dass man vor dem Treffen mit Carla dal Forno denkt, man müsse sich vielleicht Sorgen um sie machen. Das Album ist eine einzige Selbstbefragung, zutiefst melancholisch und fast schon depressiv. Dann sitzt einem aber eine aufgeschlossene junge Frau gegenüber, die bereit ist, offen über ihre Unsicherheiten zu reden und darüber, dass sie mit der Musik auch Beziehungsschmerzen verarbeiten wollte, die gleichzeitig aber überhaupt nicht unsicher wirkt.

Wegen der Musik von Melbourne nach Berlin

Carla dal Forno weiß sehr genau, was sie will. Nein, das mit der Musik sei so nicht geplant gewesen, erklärt sie noch einmal, aber nun wolle sie diesen Weg weitergehen und sehen, was passiert. Vielleicht ein wenig so wie in ihrem Clip aus Australien, wo sie einfach ins Wasser springt und dann eben schwimmt. Wegen der Musik sei sie letztendlich auch nach Berlin gekommen, sagt sie. Weil man hier einfach näher dran sei am Musikgeschehen als im doch etwas abgeschiedenen Melbourne.

Carla dal Forno wird bereits mit Nico verglichen, der ehemaligen Sängerin von Velvet Underground, deren somnambule Soloplatten noch heute eiskalt berühren. Und tatsächlich erinnert „You Know What It’s Like“ an den phlegmatischen Gesang von Nico, immer wieder taucht ein Brummen und Dröhnen auf, das an deren Spiel auf dem Harmonium denken lässt. Als Einflüsse nennt Carla dal Forno aber die Elektronik-Band Broadcast aus England und das obskure Projekt Flaming Tunes, das Mitte der Achtziger eine einzige Platte mit düsterem Synthiepop veröffentlicht hat. Jetzt spukt ihr Geist in Berlin weiter – importiert von einer Australierin. Unheimlich. Gut.

„You Know What It’s Like“ erscheint Blackest Ever Blackest. Konzert: 30.11., 21 Uhr, Berghain Kantine

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