Kultur : Debütantenball

Junge Maestri bei den Berliner Philharmonikern

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Eine veritable Messe der Meister von morgen ist derzeit bei den Berliner Philharmonikern zu erleben: Binnen eines Monates testet das Orchester vier junge Dirigenten. Den Anfang machte vergangene Woche Tomas Netopil (35), als Ersatz für den verstorbenen Charles Mackerras, planmäßig war am Donnerstag Eivind Gullberg Jensen (38) dran, es folgen Andris Nelsons (32) und Yannick Nézet-Séguin (35).

Bei den Berlinern zu debütieren, ist für jeden Maestro ein Traum, wobei das kurzfristige Einspringen für einen erkrankten Star die Königsklasse darstellt: Seymon Bychkov gelang 1985 so der internationale Durchbruch, ebenso Daniel Harding, als er 1996, 20-jährige, seinen Mentor Claudio Abbado vertrat. Dennoch darf man sich nicht täuschen: Eine Chance, die Philharmoniker zu leiten, haben im Laufe der Zeit viele Hoffnungsträger bekommen, vor allem unter Herbert von Karajan, der auf die Jugend setzte, um wenig Pultgötter neben sich dulden zu müssen. Doch in den meisten Fällen bleibt es bei dem einen ersten Auftritt. Nur wer die Musiker bei den Proben wie den Konzerten restlos überzeugt hat, erhält den Ritterschlag: eine Wiedereinladung. Gustavo Dudamel (29) gehörte zuletzt zu diesen glücklichen Hochbegabten. Dass Eivind Gullberg Jensen in naher Zukunft wieder vor dem Orchester stehen wird, darf dagegen bezweifelt werden. Dafür war der Norweger bei seinem Debüt einfach zu nervös.

Wie schade, denn bei seinem allerersten Berliner Auftritt, vor drei Jahren mit dem RSB, hatte er sich souverän eingeführt, ja mit seiner eleganten Dirigiertechnik, seinem Faible für edle, klarlackierte Klangoberflächen gar an den jungen Lorin Maazel erinnert. Als aufmerksamer Begleiter des Solisten Vadim Repin in Sofia Gubaidulinas „Offertorium“ ist auch am Donnerstag das sehr bewegliche, lockere Handgelenk Gullberg Jensens zu bewundern, sein charmanter Tick, den Taktstock gelegentlich bis hinter den Kopf federn zu lassen. Organisch entfaltet sich die Struktur des Violinkonzerts, beredt gestaltet Repin seinen inneren Monolog: eine 30 Jahre junge Musik, die herüberklingt wie aus weiter Ferne.

In der 1. Sinfonie von Jean Sibelius, einem seiner Paradestücke, aber wird der Körper des Dirigenten plötzlich fest. Er will gar so viel sagen und findet doch keinen gemeinsamen Atem mit den Musikern. Glänzend Wenzel Fuchs’ Klarinette, exquisit das Flöten-Zusammenspiel von Emmanuel Pahud und Jelka Weber – aber die Energie, die unbestreitbar im Raum ist, verpufft größtenteils. Lediglich am Ende des Andante lässt sich erahnen, was möglich gewesen wäre.

Noch ein Debüt ist übrigens an diesem Abend zu verzeichnen: Der 35-jährige Geiger Andreas Buschatz, seit 2005 beim Orchester, sitzt erstmals auf dem Konzertmeisterstuhl, als Nachfolger Rainer Sonnes. Glückwunsch. Frederik Hanssen

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