Debütfilm : "Lollipop Monster": Bye bye, Barbie

Der Debütfilm der Berliner Comiczeichnerin Ziska Riemann: das Comic-Drama „Lollipop Monster“.

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Schwarz trifft bunt. Sarah Horváth und Jella Haase (r.) als Oona und Ari. Foto: Salzgeber
Schwarz trifft bunt. Sarah Horváth und Jella Haase (r.) als Oona und Ari. Foto: Salzgeber

So was sieht man selten: Die Männer in diesem Mädchenfilm sind allesamt Würstchen, kein einziger starker Typ tritt auf, mal ist einer ganz cool und mal sieht einer ganz gut aus, aber letztlich sind sie triebgesteuert und feige und unreif und peinlich und egoistisch und lahm. Dabei ist „Lollipop Monster“, dessen Drehbuch die Berliner Regisseurin und Comiczeichnerin mit der Musikerin Luci van Org geschrieben hat, kein Männerhasserfilm, kein Schwanz-ab-Traktat, er ist nur ein lustvoll überdrehtes und lustigerweise trotzdem ernsthaftes Trash-Comic-Drama über das Erwachsenwerden, das Frauwerden.

„Ich bin so froh, dass ich ein Mädchen bin“ – jajaja, darüber sollte ein Mann vielleicht gar keine Kritik schreiben, aber das ist eben das Tolle an diesem von Zeichentrick- und schrillen Musikvideo-Zwischenszenen durchsetzten Film: Seine Perspektive ist so selbstverständlich weiblich, dass der Zuschauer das erst merkt, wenn er sich 96 Minuten lang von Ari (Jella Haase) und Oona (Sarah Horváth) hat mitreißen lassen.

Harmlos beginnt hier nichts, auch wenn Aris Zuhause geradezu explosionsartig quietschebonbonbunt gestaltet ist. Ihre Mutter ist quietschesüßbesorgt nicht so sehr um ihre 15-Jährige, sondern um ihren weichlich-doof verhaltensauffälligen Sohn, der sich dauernd windet und leidet – ein spilleriger Waschlappen zum Weglachen. Papa ist daneben ein pullundriger Brillenmann, dem der Terz eigentlich zu viel ist, seufz, seufz.

Ari meets Oona, das Gegensätzliche zieht sie an: die schwarzhaarige Künstlertochter, düster wie ihr Elternhaus, im Emo-Look, aber ohne tatsächliche Links zur außerfilmischen Welt, die ist völlig selbstgemacht, sogar die Limo-Etiketten sind eigens gestaltet – tolle Ausstattung! Die identitätsstiftende Band der Mädels ist eine fiktive Gruselcombo namens Tier, deren zylinderbehüteter Schamanenfrontmann singt: „Kannst du den Ruf der Freiheit spüren?“

Zur Hölle ja, das können die beiden. Sie lernen sich kennen, nachdem Oonas Vater, das Weichei, sich an einem Baum vor der Schule erhängt – denn Oona hat ihre Mutter (Nicolette Krebitz! Juhu!) beim Sex mit Papas Bruder Lukas erwischt (schön eklig: Thomas Wodianka). Die Mädchen fühlen sich unverstanden, allein, wollen was anderes, wollen raus. Ari lernt von Oona, Schminke, Lolita-Punk-Klamotten, schmeißt die Barbies weg und entdeckt den Sex: mit dem erst coolen, dann langweiligen Barmann im getunten Auto, dann doch nicht mit den pubertären Mitschülern, die eine große Fresse, aber umso größere Angst vor echten Mädchen haben – und mit Lukas. Da wird’s fies, weil Oona das mitkriegt, Krach und Versöhnung, „öffne deine Käfigtür“, singen Tier. Schöne Racheszene am Ende, Blut und Kuscheltiere, ein rosaroter Sonnenuntergang, zwei Freundinnen und ein Hoppelhase, hach.

Babylon Kreuzberg, FaF Friedrichshain, Tilsiter-Lichtspiele und Xenon

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