Debütroman von Uwe Kopf : Ein schöner Platz zum Jevern

Viel Popliteratur, viele sympathische Verlierer: Der Roman „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ des verstorbenen Journalisten Uwe Kopf .

Einst Starautor von „Tempo“: Uwe Knopf, 1956-2017
Einst Starautor von „Tempo“: Uwe Knopf, 1956-2017Foto: Anja Janker / Verlag

Ob Bernhard Grzimek, der große Fernseh-Zoologe der alten Bundesrepublik, sich wirklich einmal mit der Seidenspinnerraupe und ihren elf Gehirnen beschäftigt hat? Man darf da so seine Zweifel haben. Der Held von Uwe Kopfs Debütroman hat die nicht. Er ist sich ganz sicher, das erste Mal von diesem interessanten Schmetterling und seinen vielen Gehirnen in „Ein Platz für die Tiere“ gehört zu haben. Und als Titel eines Romans macht sich dieses Phänomen aus der Natur sowieso gut. Auch ein Name wie der von Grzimek passt prächtig. Denn Kopf erzählt in seinem Roman von einer Zeit, in der von Globalisierung noch keine Rede war und die vermeintliche Weltläufigkeit eines Bernhard Grzimek die provinzielle Bundesrepublik der sechziger bis frühen neunziger Jahre noch schwer beeindrucken konnte.

Uwe Kopfs Held Tom stammt aus kleinen Verhältnissen. Mit seiner Mutter, Großmutter und Bruder Sören wohnt er in einer Viereinhalbzimmerwohnung im Hamburger Stadtteil Berne. Hier werden die meisten Häuser von der Saga verwaltet, „einem Hamburger Unternehmen, das seine Objekte an Bedürftige vermietet“, wie Tom weiß. Eines der typischen Bilder aus seiner Kindheit sieht so aus: „Die Mutter und die Oma saßen noch vorm Fernseher und redeten über das Zugunglück in Radevormwald, die Oma rauchte trotz Asthma eine Zigarette der Marke Kim, die Mutter trank ein Glas Lumumba, den Modedrink aus Kakao und Rum, der, übermäßig genossen, noch mehr Kopfweh machte als Apfelkorn oder der Wacholderschnaps Steinhäger.“

Suizid als Leitmotiv

Tom liebt die Musik von Rory Gallagher und Horrorfilme, seine Freunde heißen Lori und Rolle, die mit ihm gern einen „jevern“ (also Jever Pils trinken), zur Not tut es Holsten Pilsener, und gelernt hat er nichts Richtiges. Er schlägt sich damit durch, von seinem Bruder eine Art Rente von 500 Mark zu bekommen und bei der Post als Sortiergehilfe zu arbeiten. Tom ist ein Niemand, wozu er steht, er weiß das. Liegen hat er perfekt gelernt, um es mit einem Titel eines Romans von Frank Goosen über einen ähnlichen Typen zu sagen. Aber Tom ist auch ein sanfter, ein jesusartiger Typ, den die Frauen mögen, ohne dass er übermäßig viel Glück mit ihnen haben würde. Zum Beispiel hat er mit seiner Verlobten, mit der er zehn Jahre zusammen ist, nicht ein einziges Mal Sex. Kurzum: Tom ist ein sympathischer Verlierer, der nicht so recht weiß, was er auf dieser Welt soll. Als „40-jähriger Junge“ zieht er dann, als er endlich die Liebe kennenlernt und die Eifersucht und das Verlangen und den Prosecco gleich mit, einen Schlussstrich und begeht Selbstmord, nachdem er erstmals in seinem Leben einen ganzen Roman bis zum Ende gelesen hat, James Ellroys „Stiller Schrecken“.

Dieses Vorhaben wird in Kopfs Roman immer wieder thematisiert. Wie die Seidenspinnerraupe und ihre Rezeption durch Loser, Lehrer und Pet-Shop-Boys-Fans zieht sich der mögliche Suizid leitmotivisch durch den Roman. Von den Arten, wie man ihn begehen kann, bis hin zur Einstellung der Kirche dazu. Tom beschreibt seine Obsession so: Wenn der Durchschnittsmann 200-mal täglich an Sex denke, wie es eine Zeitung ausgerechnet hat, dann gelte das wohl auch für ihn, „aber öfter als 200-mal täglich denke ich an den Tod“.

Diese Todessehnsucht seines Heldens ist nicht zuletzt deshalb etwas makaber, weil Uwe Kopf kurz nach Vollendung seines Romans Anfang dieses Jahres starb, allerdings an einem Leberkrebsleiden. Kopf war zuletzt Kolumnist für die „BZ“ und den „Rolling Stone“. Bekannt und berühmt aber wurde er als Autor des legendären Zeitgeist- und Lifestyle-Magazins „Tempo“, das in den achtziger und neunziger Jahren versuchte, der Bundesrepublik das Provinzielle, Muffige und Grzimek-hafte auszutreiben. Logisch also, dass Kopfs Roman als einer der ersten Titel in einem Verlag erscheint, der den Geist von „Tempo“ wiederaufleben lassen will – im Tempo-Verlag, einem neu gegründeten Sublabel des Hamburger Verlags Hoffmann und Campe.

Schön schlingernd, vergeblich schnodderig

Kopfs Roman handelt zwar von einem Leben in genau der schwarz-weißen, prekären und kleinbürgerlichen Bundesrepublik, die „Tempo“ vergessen machen wollte. Das aber macht er auf genuin popliterarische Art: mit viel Markennamen, von Sunil und Lenor über Pril bis George Best. Mit viel Musik, nicht immer der besten, von Vader Abraham und seinem „Lied der Schlümpfe“ bis zu Human Leagues „Being Boiled“. Mit Cameo-Auftritten von Thomas Meinecke und dem leider ebenfalls schon toten Popautor Marc Fischer. Und – bei aller untergründigen Schwermut – mit viel Witz, schelmenhaftem Humor und großartig lustigen Szenen, etwa wenn Tom immer mal wieder auf seiner Jever-Bank sitzt und darüber sinniert, wozu Eifersucht gut sein soll. Oder wenn er mit seinem Bruder in Irland Rory Gallagher interviewt und dieser sich keine Trinkblöße gibt: „Beim vierten Guinness im Sin é kippte Rory schon zwei Schnäpse ins Glas und verwendete das Adjektiv bibleblack, er sollte es noch öfter verwenden, jeder Mensch hat ja seine Lieblingswörter, dieses bibleblack gehörte zu Rory, das Guinness sei doch bibleblack, auf der ganzen Welt gebe es nicht noch so ein Bier, ganz Irland sei eigentlich bibleblack: Das Wort hatte ich schon mal gehört, irgendwann im Englischunterricht, es stammte aus einem Roman oder Gedicht.“

Diese Prosa hat was schön Schlingerndes, etwas vergeblich Schnoddriges. Zudem bevorzugt Kopf in diesem Roman nonchalante, hartkantige Perspektivwechsel: Mal ist Tom Ich-Erzähler, dann wird er schön auktorial betrachtet. Manchmal reden die Protagonisten in Form langer Drehbuchdialoge aufeinander ein. Der Hamburger Lokalheld Knarf Rellöm würde vermutlich anraten, wenn er für „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ einen Platz im Regal suchen müsste: Bitte vor dem Werk von Heinz Strunk und Wolfgang Welt einordnen. Stellt sich bloß noch die Frage, ob sich die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe ergänzen oder zehn genauso überflüssig wie der Blinddarm sind?

Uwe Kopf: Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe. Roman. Tempo Verlag, Hamburg 2017. 316 Seiten, 22 €.

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