Kultur : Degen, Zepter, Federkiel

Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte präsentiert in Potsdam seine Ausstellung „Land und Leute“

Kerstin Decker

Da ist noch etwas übrig vom Potsdamer Schloss. Nicht nur der Pferdestall, das älteste Gebäude der Stadt, in dem längst das Filmmuseum wohnt. Etwas später hatte man auch den preußischen Kutschpferden einen streng frühklassizistischen Stall gebaut, gegliedert durch Pilaster toskanischer Ordnung und dazu ein Stalltor mit Doppelsäulen und Quadriga obendrüber. Schöner Wohnen für Kutschpferde! Die Quadriga des eben restaurierten Stalls ist überhaupt bemerkenswert. Überall sonst wird so ein Gespann von Göttinnen oder wenigstens Königen gelenkt. Hier hält ein Kutscher die Zügel. Also ein ganz normaler Nicht-Hohenzoller. Ein grober Kerl, wie Friedrich gesagt hätte, der nicht nur viel Ärger mit Müllern, sondern auch mit Kutschern gehabt haben soll. Weil es dem typischen Brandenburger letztlich auch egal war, ob er Majestäten oder Brennholz fuhr.

Und genau von solchen Leuten handelt die neue Dauerausstellung im Kutschstall, der sich jetzt „Haus der Brandenburgisch Preußischen Geschichte“ nennt. Denn Stolpe hatte gefordert, die Brandenburger brauchen ein Landesmuseum, in dem sie selbst vorkommen. Das haben sie jetzt. Und damit sie das auch merken, sind die Ausstellungsmacher um Ursula Breymayer wohl auf den recht biedersinnigen Titel verfallen: „Land und Leute. Geschichten aus Brandenburg“. Aber es ist ein schönes Museum geworden unter den weißen Stallgewölbedecken.

Am besten, man tritt zuerst in die Mitte des langgestreckten Raumes an das große Potsdam-Stadtmodell von 1912. Da lag das Schloss noch selbstgewiss dort, wo der Sozialismus dann die große Kreuzung bauen ließ, um den preußischen Militarismus zu begraben und die Schönheit gleich mit. Am Heiligen See wohnten erst ein paar Einsiedler. Fast alle einstigen Gebäude der Stadt lassen sich per Knopfdruck erleuchten und sind erklärt unter den drei Symbolen: Degen, Zepter, Federkiel. Denn alles, was es in Brandenburg gab außer Wasser, Wald und Sand (Geschichte von unten), gehörte entweder zum Militär, zur Herrschaft oder zur Verwaltung (Geschichte von oben). Quer über das Stadtmodell von 1912 blicken sich der Kurfürst Wilhelm III. und die letzte deutsche Kaiserin Auguste Victoria an: Anfang und Ende der Monarchie. Soviel Reverenz an die Herrschenden muss sein, schon weil Zivilisationsgeschichte nun einmal Herrschaftsgeschichte ist, was die Ersteinwohner, die slawischen Stämme, zu spüren bekamen, als die Neumenschen aus dem Westen nahten, um ihnen ihre merkwürdige Religion zu bringen. Die Zisterzienser waren hart im Glauben, hart gegen sich selbst, aber als die Slawen ihren Abt in Lehnin meuchelten, dachten auch sie kurz an Rückzug. Ein besonders großer goldener Meßkelch aus Chorin, 13. Jhdt., gehört zu den wertvollsten Stücken im neualten Kutschstall.

Dass auch Könige nur einfache Märker waren, erkennt man auf der Gründungsurkunde Brandenburgs vom 1. Oktober 948. Die königliche Unterschrift besteht aus einem einzigen Strich, denn fürs Lesen und Schreiben, dachte der analphabetische König, hat man schließlich die Verwaltung. Dass die Könige lesen und schreiben lernten, dauerte hier lange, genau wie die Durchsetzung der Reformation, darum auch „stille Reformation“ genannt. Dass ein reformatorisch gesinnter Landesherr zugleich noch als mittelalterlicher Ritter aufreten konnte, zeigt eine wertvolle Rüstung Joachims II. Ihm gegenüber steht eine schöner lutherische Kanzel, die man im Turmraum der Kirche von Schmölln fand. Abgestellt, vergessen. Für die Geschichte von ganz, ganz unten steht ein originaler Pestfloh (unter der Lupe) aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Überhaupt machen die Zeugnisse der Alltagsgeschichte den eigentlichen Reiz dieser Ausstellung aus von der alten Pritzwalker Holzwasserleitung über die schönen, verzierten Fischeimer bis zu dem Rennauto „Der kleine Grade“ aus den zwanziger Jahren. Schaukästen, Gemälde sind ergänzt durch Multimediastationen. Der naturgemäß etwas zur Arroganz neigende Berliner mag über die Brandenburgische Industriegeschichte lächeln (Glasherstellung, Gurkenherstellung) wird aber schnell ganz leise, etwa vor dem Gemälde „Wasserpartie der Berliner Künstler nach Treptow“ von 1838. Wir lernen: Berlin besteht von vorn bis hinten aus Brandenburg, seine Museumsinsel steht auf Brandenburger Baumstämmen und in den Wänden seiner Mietskasernen steckt das Schilf der Brandenburger Seen.

Bleiben die Kriege. Die Fridrizianischen Heere sind anwesend als Zinnsoldaten in alten Tabakdosen, das dunkelste Kapitel seiner Geschichte aber ist zur Wandkarte geworden: Brandenburg, Topographie einer Lagerlandschaft, von KZs bis zu Erziehungslagern. 900 Jahre Brandenburg-Geschichte bis 1990 – für die DDR steht das Nähmaschinenwerk Wittenberge – auf gelungenen 600 Quadratmeter Stell-, nein, Stallfläche.

Potsdam, Schlossstr. 1, Di. bis So. 10-18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr .

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