Kultur : Deichbruch

Gerd Nowakowski

Ein Wochenende lang das Leben tauschen, das wollen die Schwestern Lidy und Armanda. Die eine will auf eine Party, die Ältere fährt anstelle der anderen auf eine Insel zu einem Besuch. Die eine findet durch den Rollentausch den Tod, die andere ein Leben, das fortan begleitet wird von Schuldgefühlen, weil sie die Schwester überredet hat. Und hatte Armanda auf der Party beim Tanz mit Lidys attraktivem Mann nicht mit dem Gedanken gespielt, wie es wäre, wenn das Schiff der Schwester verspätet zurückkehrte? Doch an die Jahrtausendflut, die in jener Nacht über die Niederlande rasen wird und fast 2000 Menschen ertrinken lässt, denkt da noch niemand in Amsterdam. Lidy verliert sich in dieser Nacht des kalten Infernos aus dem Leben ihrer Familie, geht unter wie die Insel, deren Deiche brechen.

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Kunstvoll und mit großer Meisterschaft ist das Drama um die historische Sturmflut von 1953 in Szene gesetzt, die damals von calvinistischen Holländern als Gottesstrafe für die zuchtlose Moderne angesehen wurde. Ist es ein Zufall, was uns da zufällt an Last und erzwungenem neuen Leben?

In den von Margriet de Moor mit kühler Präzision beschriebenen Ereignissen, in denen Deiche brechen und Menschen verzweifeln, gerät selbst die Zeit aus der Ordnung. Die Tage springen durcheinander wie von der Flut umher geschleuderte Gegenstände und mitgerissene Menschen; in Amsterdam wird schon getrauert, auf der Insel kämpft die Schwester noch um ihr Leben. Wie ist das Leben an deiner Statt? De Moor kehrt das alte Spiel mit einer anderen Identität um und beantwortet es schicksalhaft durch die übermächtige Abwesenheit der auf ewig verschwundenen, aber auch in Jahrzehnten nie wirklich toten Lidy.

Margriet de Moor: Sturmflut. Roman. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Hanser Verlag, München. 352 Seiten, 21,50 €.

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