Kultur : Dein Handrücken ist mein Stempelkissen

Blaue Stunden: Wenn die Nächte kürzer werden, geht man länger aus. Ein Berliner Streifzug / Von David Wagner

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Falckensteinstraße. San Remo liegt an der Spree. Wir sitzen auf Waschbetonpollern, dem San Remo, der Bar mit den alten Photoalben gegenüber. Blaue Stunde, bester Blick, die Stadt ist eine Ansichtskarte am Wasser. Die UBahn, hier Hochbahn, fährt über unsere Köpfe hinweg auf die Oberbaumbrücke zu. Wir sitzen auf Waschbetonpollern, Straßenmöbeln der Mauerzeit. L. sagt, sie liebe Waschbeton, in ihrer Kindheit sei fast alles um sie herum aus Waschbeton gewesen. L. trinkt Sekt auf Eis, sie sagt, sie habe dieses Getränk, wenn schon nicht erfunden, so dann doch wenigstens in Berlin verbreitet. Ich glaube ihr. Ich mag das Getränk. Es kühlt auch die Hände.

Falckenstein-, Ecke Schlesische Straße. In einem Ladenlokal, das lange leer stand, gibt es ein neues Geschäft. Es heißt Küchenstudio Tristesse. Keiner weiß, was da eigentlich verkauft wird. Traurigkeit in kleinen Tüten? Manchmal stehen da Objekte aus Plüsch – nicht notwendig zu wissen, ob sie einen Zweck erfüllen, manchmal wird hier abends auch bloß getrunken. Oder ein Low-Fi-Konzert veranstaltet. Tristesse heißt der Laden nach dem Haus von Alvaro Siza Viera, dem Bauausstellungshaus, Ecke Falckensteinstraße, das wie mit einem halbgeöffneten Auge auf die Ecke herabschaut. L. erzählt von der erfolgreichsten Berliner Ich-AG. Die stellt Früchtesenf her, Früchte- und Beerensenf. Die Berliner Ökonomie hat das Einmachglas wiederentdeckt. Vielleicht verkaufen auch wir bald Eingemachtes am Straßenrand?

Jannowitzbrücke. Unter der S-Bahn, die hier auf dem Stadtbahnviadukt fährt, nicht in einem Bogen, sondern einer größeren Unterbauung, liegt das Golden Gate. Sein Eingang versteckt sich auf der Rückseite, in einem Wäldchen. L. sagt, es sei ein Wäldchen, sie übertreibt. Eigentlich ist es nur eine große, vom Grünflächenamt Mitte vernachlässigte Verkehrsinsel. Im Frühling und Sommer 2003 sitzen wir hier an der Tür, an der Kasse, später stoßen wir zu den Spitzenkräften am Analogtresen. Die Spitzenkräfte schenken erfundene Szenegetränke aus, die hauptsächlich Sekt und Eis enthalten. L. sagt, ich sei ihr Praktikant, ich sage, ich mache eine Hospitanz. Ja, ja, sagt L., in Berlin muss man sich sein Leben eben ausdenken, sich erfinden, ein, zwei, drei, vier Projekte haben. Ich bin der Trainee an der Tür, sage ich den Bekannten, die ich begrüßen kann, ich durchlaufe das Traineeprogramm Tür. Ich halte den Stempel, einen Datumsstempel, meist auf den elften September eingestellt, meine Ausbilderin, die promovierte Musikwissenschaftlerin, kassiert. Ich sage heute Flittchenbar im Golden Gate zu den Besuchern und versuche ihnen, die Besucher sind alle sehr nett, den elften September so zärtlich wie möglich auf die Hand, am liebsten auf die Maus, den gewölbten Daumenmuskel der Handinnenseite, zu stempeln.

Torstraße. Wir schieben uns durch das White Trash. Wir schieben uns durch die Einrichtung eines ehemaligen China-Restaurants, an geschnitzten Stühlen und Kunstledersesseln vorbei und setzen uns auf den Rand einer aus bemaltem Styropor geformten Drachengrotte, in der kein Wasser mehr plätschert. Es ist drei Uhr früh, wir fühlen uns wie auf einer Familienfeier, die in einem bürgerlichen Restaurant außer Rand und Band geratenen ist. Später, zwischen vier und halb sechs Uhr morgens, nuit blanche im White Trash, werden alle betrunken sein, und ALLE miteinander, jeder mit jedem, reden. Auch wenn sie sich gar nicht kennen. Dieser Laden baut erworbene Kommunikationshemmungen ab, sagt L. Der Erfolg des White Trash, in dem am frühen Abend auch gekocht wird, allerdings, wie auf einer Familienfeier, immer nur ein Gericht, das man essen kann oder eben nicht, der Erfolg dieses Clubs muss auch mit seinem Namen zusammenhängen. In dem, sagt L., stecke auch die Sehnsucht, allen kulturellen Ballast abzuwerfen, die Unkultur zu seiner Kultur zu machen, sich für nichts mehr interessieren zu müssen. Nichts als White Trash zu sein.

Torstraße, nochmal White Trash. Vor kurzem, im Sommer 2003, erhielt die Frau an der Bar – eigentlich ist sie Sängerin –, einen Anruf. Eine Stimme sagte, gleich kommt Mick Jagger vorbei. Die Frau an der Bar, die Frau, die eigentlich Sängerin ist, sagte, ja, ja, vielen Dank. Und legte gleich wieder auf. Und dann stand er plötzlich da. Und, so ist das hier eben, sagt L., keine Sau beachtete ihn. Alle übertrafen sich in ihrem Bemühen, diesen alten Mann zu übersehen.

Borsigstraße, auf dem Weg zum Auto, sagt L., das Prinzip der meisten interessanteren Clubs sei es, sich in oder mit Hinterlassenschaften und Überresten einzurichten. Das White Trash war ein China Restaurant, das Tristesse ein Küchenstudio, das Golden Gate eine Tischlerei. Es gab die Kachelbar, in der weiß gekachelten Küche eines geschlossenen Burger King. Und es gibt oder gab Tresorräume, die Bunker, die E-Werke. Handtaschen werden heute aus alten Lastwagenplanen und Alditütenresten hergestellt, uncool is the new cool, das Hässliche das neue Schöne. Wir stehen am Auto, wir steigen ein.

Leipziger Straße, siehst du, sagt L., es gibt einen neuen Berufszweig: Arbeitslose Opernregisseure und ihre Beleuchter inszenieren Lichtspiele für leer stehender Bürohäuser. Die neuesten, erst kürzlich schlüsselfertig übergebenen Berliner Ruinen, die nur mit einer Haut aus Glas überzogenen, leer stehenden Bürogebäude in Mitte und anderswo, werden nachts aufwendig beleuchtet. Wer jetzt noch unterwegs ist, erinnert sich morgen, wenn er ein großes Büro braucht, vielleicht an dieses Haus.

An einer Tür, ich weiß nicht mehr, wo. Der Mann an der Tür sagt, gehen Sie nach Hause. Begeben Sie sich direkt dorthin. Gehen Sie nicht in eine andere Bar, in keinen anderen Club, an keinem Geldautomaten mehr vorbei. Gehen Sie nach Hause, legen Sie sich in Ihr Bett, schließen Sie die Augen.

Von David Wagner erschien zuletzt der Erzählband „Was alles fehlt“ (Piper). Unser Text „Weiße Nacht“ erscheint ungekürzt bei SuKuLTuR, erhältlich in elf Berliner Süßwarenautomaten (z.B. am S-Bahnhof Gesundbrunnen). Wagner liest am 29.3. um 21.30 Uhr im Kaffee Burger (Torstr. 60, Mitte) .

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