Kultur : Deine Geburt, mein Tod

Literaturfestival Berlin: Henning Mankell stellt sein Buch über afrikanische Aids-Patienten vor

Susanna Nieder

In Afrika entsteht derzeit eine neue Literaturgattung. Memory Books – Erinnerungsbücher – werden die Hefte genannt, in denen Eltern ihren Kindern die wichtigsten Dinge über sich und ihr Leben mitteilen. Menschen, die oft kaum lesen und schreiben können, notieren dort Worte, die ihren Kindern später einen Halt geben sollen. „Deine Geburt“, „Meine liebsten Erinnerungen an dich“, „Meine Hoffnungen für dich“ heißen einige der vorgegebenen Rubriken. Die Gesundheitsberaterin Beatrice Muwa hat in Uganda das Memory Book Project initiiert. Es entstehen erschreckend viele dieser Bücher, denn wer ein Erinnerungsbuch schreibt, stirbt an Aids.

Über drei Millionen Menschen sind 2003 an den Folgen ihrer HIV-Infektion gestorben, davon 2,2 Millionen in Afrika. An manchen Orten ist ein Drittel der Menschen zwischen 15 und 49 Jahren erkrankt; schon warnen Wissenschaftler, bestimmte Regionen südlich der Sahara könnten kollabieren.

Henning Mankell ist ein Europäer, der diese Zustände nicht akzeptieren will. Seit 1972 ist er immer wieder nach Afrika gereist, er hat dort seine zweite Heimat gefunden. Ein Flug nach Afrika dauert nicht länger als ein durchschnittlicher Arbeitstag, schreibt der überzeugte Sozialist, dessen Kommissar Wallander die gesellschaftlichen Verhältnisse und nicht das Böse für begangene Verbrechen verantwortlich macht.

„Wir sind es, die entscheiden, niemand sonst“, schreibt Mankell. In dem schmalen Band „Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt“ (aus dem Schwedischen von Verena Reichel, Zsolnay Verlag, Wien 2004. 143 S., 14,90 €) ist sein zorniges Plädoyer für Solidarität und Menschlichkeit einem Erinnerungsbuch vorangestellt, das eine sterbende Frau für ihre Tochter verfasst hat.In einfacher, klarer Sprache erzählt Mankell von Christine und ihrer Tochter Aida, die viel zu jung ist, um ihren Geschwistern die Mutter zu ersetzen, von Moses, der wahrscheinlich seine beiden verstorbenen Frauen angesteckt hat und nun selbst stirbt. Und immer wieder von der Würde, die sich die Kranken als höchstes Gut bewahren.

Mankell erzählt auch von sich selbst – von den Gelegenheiten, bei denen ihn der eiskalte Schrecken vor dem Tod packte, von einem Aidstest, vom quälenden Warten, von der „manisch gesteigerten Erleichterung“, als das Ergebnis negativ ausfiel. In Afrika stirbt man ungleich qualvoller als in Europa oder den USA, denn um die Krankheit unter Kontrolle zu halten, sind teure Medikamente nötig – zu teuer für die meisten Afrikaner. „Ich habe Menschen in Häusern, die weit von hier entfernt liegen, schreien hören, ehe sie verstummt und in das andere Dunkel hinein verschwunden sind, das nicht vergeht, wenn die Sonne wiederkehrt“, sagt Moses. Zurück bleiben die Kinder, zurück bleibt Christines Tochter Aida. Mankells Text heißt „Die Mangopflanze“ nach dem Schößling, den Aida als kleines Stückchen Hoffnung zwischen Bananenbäumen eingepflanzt hat. „Umgeben von Tod und Angst hatte sie ihren Mangoschößling in die Erde gepflanzt, als Verteidigung für das, was lebendig war, für das, was wuchs.“ Afrika braucht erschwingliche Medikamente – und es braucht Aufklärung.

Erinnerungsbücher werden von Menschen geschrieben, die sich mit ihrem Sterben abgefunden haben. Sie brechen das Schweigen, das die Krankheit umgibt, und warnen ihre Kinder eindringlich vor der Gefahr. „Lesen und schreiben lernen heißt überleben lernen“, sagt Christine.

Henning Mankell stellt sein Buch im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin heute um 20 Uhr im Haus der Kulturen der Welt vor. Seine Gesprächspartner sind Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und Peter Piot von UNAIDS. Es liest Elke Heidenreich.

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