Kultur : Deine Spuren im Sand

Die Ohrwürmer des Pharaos: Elton Johns Musical „Aida“ im Berliner Theater des Westens

Christian Schröder

Die Liebe, das ist die eiserne Grundregel jedes Melodrams, findet immer ihren Weg. Radames und Aida stehen auf nackter Bühne, hinter ihnen dämmert – angedeutet durch einen Schattenriss von Palmen und Schilf – der Abend über dem Nil. Er: rechts außen. Sie: links außen. Klavierakkorde hallen, schmachtend beginnt Radames zu singen: „Ich will für dich Tag für Tag / Ehrlich und gut sein, frei und stark.“ Zögernd kommen sie aufeinander zu, in der Bühnenmitte treffen sie sich. Weißes Scheinwerferlicht, das senkrecht auf sie fällt, lässt Aida wie eine kostbare Statue aussehen. Radames umfasst sie von hinten, Synthiestreicher setzen ein, Gefühle müssen raus: „Ich trag einen Traum in mir: / Ein neues Leben / Nur mit dir.“

„Aida“, das Musical von Elton John und Tim Rice, das sechs Jahre nach seiner Broadway-Premiere und drei Jahre nach seiner deutschen Erstaufführung in Essen nun am Theater des Westens in Berlin angekommen ist, handelt von den Anziehungskräften der Liebe, die stärker sind als jedes physikalische Gesetz. „Durch das Dunkel der Welt“, ein pompös aufschäumender Ohrwurm, an dessen Pathos sich ein ganzes Heerlager geschundener Kreaturen aufrichten könnte, wird zur Erkennungsmelodie der beiden glücklich-tragisch Liebenden. Radames, der ägyptische Oberbefehlshaber, hat Nubien unterworfen. Aida, Tochter des nubischen Königs, bringt er als Beutestück mit heim. Schon auf dem Schiff, das sie nach dem Feldzug nilabwärts fährt, sagt der Krieger zu der stolzen Sklavin: „Ich habe Lust, dich zu zähmen.“

„Durch das Dunkel der Welt“, die Mutmach-Hymne mit den Zeilen „Ich will nicht seh’n, was zwischen uns steht / weil ich so nicht leben will“, ist zum ersten Mal am Ende des ersten Akts zu hören, wenn Aida und Radames einander ihre Liebe offenbaren. Am Ende des Stücks, nach fast drei Stunden, erklingt sie noch einmal, zum Finale, in dem diese Liebe ihre Erlösung findet. Die Ballade erinnert stark an Elton Johns Hit „A Candle in the Wind“, der zum Trauergesang für die als „Königin der Herzen“ tödlich verunglückte Prinzessin Diana wurde. So ist die Liebe von Anfang an von düsteren Todesmotiven überschattet, diese Geschichte kann nicht gut ausgehen. Aida und Radames müssen sterben, das war schon bei Verdi so, der sie am Ende seiner 1871 uraufgeführten Oper lebendig einmauern ließ.

Das Musical „Aida“ ist sozusagen die Soap-Version der Oper „Aida“. Perfekt schnurrt die Story in der auf suggestive Lichteffekte statt auf naturalistische Pappkulissen setzenden Produktion des Theaterkonzerns Stage Entertainment ab. Die Gluthitze der Gefühle wird immer wieder auf Zimmertemperatur herabgedimmt, mittels eines Kunstgriffs gelingt es sogar, die Hinrichtung des Heldenpaars in ein heimliches Happyend zu wenden. Die Sprache, in die Michael Kunze das Stück übersetzt hat, wirkt sehr heutig. Mancher Dialog könnte einer besserer TV-Vorabendserie entnommen sein. Als es mit Radames zu knistern beginnt, sagt Aida: „Sie sehen nicht aus wie einer, der den Frauen hinterherjagen müsste.“ Radames entgegnet: „Bei dir mache ich eine Ausnahme.“

Michael Kunze hat für Udo Jürgens „Griechischer Wein“ und für Jürgen Drews „Ein Bett im Kornfeld“ geschrieben, er verwandelt einige von Elton Johns zwischen Eighties-Rock, Synthiestreicher-Feierlichkeit und Weltmusik-Geflöte changierenden Stücken zu Schlager-Perlen mit Titeln wie „Von einem Traum entführt“, „Wer viel wagt, der gewinnt“ oder „Ich kenn dich“. Er ist ein Meister in der Kunst der Vereinfachung. „Jede Fabel und Geschichte / Jedes Drama, jedes Stück / Handelt von demselben Thema: / Was ist Liebe, was ist Glück?“, heißt es gleich im Vorspiel.

„Aida“ bietet makelloses, mitunter sogar mitreißendes Unterhaltungstheater, obwohl der Aufwand an Kostümen, Ausstattung und Komparsen deutlich kleiner dimensioniert ist als beim „König der Löwen“, mit dem Elton John und Tim Rice ihren ersten Musical-Hit gelandet hatten. Wunderbar sind einige schnelle Szenenwechsel, in denen Synchron-Tänzer mit Pfeil und Bogen über die Bühne springen oder die Silhouetten vorbeiwandernder Lastenträger einen Aufbruch simulieren.

Ana Milva Gomes als Aida und Bernhard Forcher als Radames glänzen in ihren Gesangspartien, doch ihre Spielszenen wirken gelegentlich hölzern. Allzu schnell müssen ihre Heldenfiguren zu Gutmenschen werden. Interessanter wirkt Bettina Mönch als Pharaonentochter Amneris, Radames’ Verlobte. Auf einem Kanapee liegend wird sie ins Bild gerollt, mit Hingabe gibt sie die Kampfzicke und das Luxusweibchen, ihr Credo lautet: „Ich glaube, ohne schöne Kleider / Oder einen guten Schneider / Ist das Leben ohne Spaß.“ Der Hof des siechen, von seinen Feinden langsam vergifteten Pharao (Lutz Ulrich Flöth) erinnert in seinem Brutal-Klassizismus an die Reichskanzlei, beherrscht von einem Verschwörer (Kristian Vetter), dessen schwarze Uniform an Jesuitenkluft und die SS denken lässt.

Die Rahmenhandlung des antiken Stoffes setzen Szenen in einem archäologischen Museum, in dem die Figur einer Pharaonin singend zum Leben erwacht. Dort treffen sich Aida und Radames nach ihrem Tod in einem neuen Leben wieder: als Touristen. Lange mustern sie die Kostbarkeiten in den Vitrinen, bis sie einander erkennen. Dann schreiten sie, parallel zum sich schließenden Vorhang, feierlich aufeinander zu.

bis 18. November, Mi 18.30, Do/Fr 20, Sa 15 und 20, So 14.30 und 19 Uhr.

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