Kultur : Dekade der Linksradikalen: Wir Wollten Alles

Richard Herzinger

In der Debatte um Joschka Fischers militante Vergangenheit wird der Eindruck erweckt, als handele es sich dabei um die Geschichte "der 68er". Tatsächlich aber hatte die linksradikale Szene der frühen siebziger Jahre, in der Fischer in Frankfurt zu einer führenden Figur aufstieg, nur noch wenig mit den Konfliktlinien und Illusionen der sechziger Jahre zu tun. Schon damals war "1968" zu einem Mythos entrückt - zur magischen Jahreszahl der utopischen Verheißung einer "Welt, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat" (Rudi Dutschke). Die Repräsentanten der "Bewegung" hatten längst Veteranenstatus erlangt, ihr Geist war im Bernstein der Heldensagen und Märtyrerlegenden aufgehoben.

Die neue Generation linksradikaler Aktivisten betrachtete die alten Zeiten mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Minderwertigkeitsgefühlen und Verachtung. Man bestaunte die Pionierleistung der großen Revolte und beneidete die Älteren um die Kreativität, mit der sie ins ganz Neue aufgebrochen waren; ihren idealistischen Messianismus und ihren Ad-hoc-Aktionismus hielt man jedoch für naiv, da von Unkenntnis über die wahren Macht- und "Klassenverhältnisse" getrübt. Auch waren die "originalen" Köpfe von 68 von einem verstiegenen akademischen Intellektualismus beherrscht gewesen, gegen den die Linke der siebziger Jahre ein bohrendes Ressentiment empfand. "Theorie" sollte jetzt nur noch unmittelbar der "revolutionären Praxis" und zur "Anleitung" der "Massen" dienen.

Die Studentenrevolte hatte das gesellschaftliche und kulturelle Klima in der Bundesrepublik innerhalb kurzer Zeit grundlegend verändert. Wobei gerne unterschlagen wird, dass der Zusammenbruch alter Autoritäten und Konventionen der Adenauer-Ära schon lange vorbereitet war: Er war im Wesentlichen Folge der "Verwestlichung" und "Amerikanisierung" der deutschen Gesellschaft. Die heißen Jahre 1967/68 waren für diesen Prozess nicht der Auslöser, sondern eher ein spektakulärer End- und Wendepunkt gewesen, der dramatisch die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Veränderbarkeit der Republik aufzeigte. Modernisierung, Demokratisierung, Sozialreform und lebensweltliche Umwälzungen waren in diesem Staat möglich; extreme, gar revolutionäre Bestrebungen aber stießen nicht nur auf Ablehnung in der Bevölkerung, sondern auch auf die Repression eines starken Staats. Von der außerparlamentarischen Linken wurde fast ausschließlich der letzte Punkt wahrgenommen. Die Liberalisierung, die unter der neuen sozialliberalen Regierung eintrat, und deren Versuch, die Erneuerungsenergien der Revolte in institutionelle Bahnen zu lenken, wurden als Versuch der herrschenden Klasse intepretiert, der Bewegung die Spitze zu brechen, um den vermeintlichen Plan einer autoritären oder gar faschistischen Gleichschaltung der Gesellschaft umso effektiver ausführen zu können. Zum "System" wurde von der radikalen Linken selbst die DDR-treue DKP mit ihren zahlreichen Unterorganisationen gezählt, der man Legalismus und "Revisionismus" vorwarf.

Obwohl also das gesellschaftliche Klima insgesamt scharf nach links gerückt war, wurde die Ablehnung des demokratischen Staates durch den größten Teil der außerparlamentarischen Linken noch aggressiver, als sie es in den sechziger Jahren gewesen war. Die reformistischen Konzessionen des Staates wurden als Zeichen einer krisenhaften Schwäche des "Systems" ausgelegt. Daraus folgerte die extreme Linke, dass sie nunmehr eine feste Basis unter "den Massen", vor allem in der "Arbeiterklasse", gewinnen und sich straff organisieren und ideologisch festigen müsse, um in den kommenden entscheidenden Klassenkämpfen bestehen zu können. Anfang der siebziger Jahre schossen daher unzählige marxistisch-leninistische Mini-Kaderparteien und Parteiaufbauorganisationen zumeist pro-chinesischer Orientierung aus dem Boden, die sich alsbald erbitterte ideologische Gefechte über die einzig richtige "proletarische Linie" lieferten: KPD, KBW, KPD/ML, KABD, PL/PI, KB, um nur einige Kürzel zu nennen - wobei es manche dieser Gruppen noch in mehreren Versionen gab, da sie sich aufgrund innerer Differenzen spalteten und gegenseitig den Organisationsnamen streitig machten. Hinzu kamen Trotzkisten, von denen es ungefähr ein Dutzend miteinander verfeindeter Gruppen gab, Anarchisten und Anarchosyndikalisten aller Schattierungen.

Ihren vielleicht gespenstischsten Ausdruck fand diese historische Mimikry in der 1970 in Berlin gegründeten "Kommunistischen Partei Deutschlands" - eine von ehemaligen führenden SDS-Aktivisten aus der Taufe gehobene Organisation, die beanspruchte, die einzig legitime Erbin der 1933 zerschlagenen KPD zu sein, und die auch Stalin zu ihren Helden zählte. Diese Gruppe versuchte , die Realität der Jahre vor 1933 originalgetreu nachzuspielen. Mit Schalmeiengruppen, die Kampflieder aus den frühen dreißiger Jahren intonierten, zog die Studenten-"KPD" durch den West-Berliner Stadtteil, der einst der "Rote Wedding" gewesen war. Eine Flucht in die Vergangenheit, die in der Selbstsuggestion einer imaginären Wirklichkeit mündete.

Von heute aus gesehen ist es kaum zu begreifen, dass es solchen Organisationen gelang, vor allem an Universitäten und Schulen einen nicht unerheblichen, bedrückenden Einfluss auszuüben. Die fast pathologische Realitätsverkennung dieser Jahre ist ein Kapitel bundesrepublikanischer Bewußtseinsgeschichte, das in den erregten Vergangenheitsaufarbeitungs-Debatten von Freund und Feind meist ausgespart und auch im gegenwärtigen inquisitorischen Feldzug gegen Joschka Fischer untergepflügt wird. Dass der ML-Dogmatismus und Revolutionsfanatismus für nachwachsende Eliten aus dem bürgerlichen Mittelstand so attraktiv war, muss etwas mit tief sitzenden Selbstbestrafungs- und Selbstzerstörungsbedürfnissen zu tun haben. Insgeheim wußte man damals, dass man die goldenen Zeiten der Bundesrepublik mit ihrem Gleichklang von Wohlstand und sozialer Sicherheit, innerer und äußerer Befriedung durchlebte, und dass die eigenen Phantasmen von proletarischen Klassenkämpfen und weltrevolutionären Erhebungen absurd waren. Umso konsequenter befestigte man aber eine Schizophrenie, durch die man sich aus dem kleinteiligen Alltag in die Gegenwelt epochaler Entscheidungsschlachten hinausträumen konnte.

Im Panoptikum verhärteten ideologischen Irrläufertums stellte die Frankfurter Sponti-Bewegung um die Gruppe "Revolutionärer Kampf" eine Anomalie dar. Sie verzichtete auf hierarchische Kaderstrukturen und versuchte, den offenen Bewegungscharakter der 68er-Bewegung fortzuführen. Anders als die kommunistisch-maoistischen Sekten, die ihre Mitglieder auf Disziplin und Askese trimmten, versuchten die "Spontis" politischen Aktivismus mit der Revolutionierung der persönlichen Lebensverhältnisse zu verbinden und mit neuen Formen des Zusammenlebens zu experimentieren. Ihr Zentralorgan nannten sie "Wir Wollen Alles". Für hedonistische Erdenschwere sorgte, als charismatisch schilderndes Zentrum der Frankfurter Szene, der libertäre Wirrkopf Daniel Cohn-Bendit, der den Genossen das Gefühl vermittelte, ungeachtet aller epochaler Weltprobleme gehe es doch vor allem darum, das eigene, kostbare Leben zu genießen. Nichts wäre freilich verfehlter, als die Sponti-Bewegung deshalb zum Hort von Emanzipation und Humanität und ihre militanten Neigungen zur reinen Defensivreaktion gegen Polizeibrutalität zu verklären. Ihr Zweck war es keineswegs nur, von Häuserspekulation betroffenen Mietern gegen Räumungen zur Seite zu stehen. Vielmehr waren Gruppen wie der "Revolutionäre Kampf" damals regelrecht auf der Suche nach Opfern "des Kapitals", mit denen und an denen sie ihre Konzepte militanter "Massenaktion" ausprobieren konnte. Theoretisch überhöht wurden diese Versuche durch die - vor allem aus Italien importierte - Idee der "Arbeiterautonomie". Das war die Vorstellung, die arbeitenden Massen würden durch spontane, ungesteuerte Aktionen wie wilde Streiks und Fabrikbesetzungen von selbst zu revolutionärem Bewußtsein finden und mit der revolutionären Avantgarde verschmelzen. Verstiegene Erwartungen, geboren aus geborgter Erfahrungen: Mit den italienischen Verhältnissen war die Lage in der wohlstandsgesättigten, korporatistisch strukturierten Bundesrepublik nicht zu vergleichen.

Den dogmatisch marxistischen Gruppen erschien der Spontaneismus als ein "kleinbürgerliches" Element, das die "Kampffront" gegen den bürgerlichen Staat verwirrte, und ihre Formen von Militanz hielten die Rechtgläubigen für blinden, ineffektiven, wenn nicht gar konterrevolutionären Aktionismus. Gegenüber den Lockrufen des Terrorismus war die Sponti-Szene insofern anfälliger, als ihr Umfeld weit weniger kontrollierbar war als das der Dogmatiker - wobei diese Gewalt keineswegs aus moralischen Gründen ablehnten, sondern damit erst später, während und nach der erträumten Machtübernahme Ernst machen wollten. Einen strukturellen Zusammenhang zwischen der Sponti-Ideologie und der auch innerhalb der revolutionären Linken weitgehend isolierten Terrorszene gab es jedoch nie. Die Frankfurter Sponti-Szene bildete vielmehr einen veritablen Provinzialismus und Lokalismus aus, der selbst noch den Häuserkampf oder die Schlachten um die Startbahn West als eine Art interne Angelegenheit betrachtete, bei der es um die Vorherrschaft in der eigenen städtischen Wohnstube ging.

Kaum eine Dekade deutscher Nachkriegsgeschichte erscheint heute unwirklicher als die siebziger Jahre. Die bundesdeutsche Gesellschaft litt an einer seltsamen Wahrnehmungslücke zwischen faktischer und projektiver Wirklichkeit, die sie zu Ende des Jahrzehnts in einen nahezu psychotischen Zustand versetzte. Über Gewalt wurde damals mit einer von heute aus gesehen schaurigen Unbefangenheit geredet. Die erhitzten ideologischen Kontroversen spielten sich aber in der Atmosphäre einer vom konkreten Elend der Welt weitgehend isolierten, wohlstandsgepolsterten Erfahrungsarmut ab. Man bastelte sich sein Weltbild aus abstrakten Ableitungen und Erfahrungen aus zweiter Hand zusammen, bis man im Extremfall dem suggestiven Sog der eigenen Mythen verfiel.

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