Kultur : DeLía

Diese Woche auf Platz 57 mit: „Du Wichser“

Sebastian Handke

Perlendes Klavier, sanft ruckelnde Rhythmusmaschine, dezente Streichersoße – die Liebeskummerballade klingt gleich ganz vertraut nach diesem hingehauchten, zentraleuropäischen Semi-Soul von Annett Louisan oder Yvonne Catterfeld. Doch bald schon kommt DeLía zum Kern der Sache. Als sie da nämlich so zart vor sich hin säuselt, denkt sie plötzlich daran, „wie schön es wär, dir in die Fresse zu hauen“. Hoppla! Auf welchen Schulhof sind wir denn da geraten? Wo die Hitparaden sonst, mit gefühligem Liedgut verstopft, immer auch im Schmerz das Schöne suchen, legt die 24-jährige Berlinerin den Finger in eine offene Wunde: Wo Liebe ist, da ist Verrat. „Du Wichser!“ singt sie mit Nachdruck und explosiver Konsonantenartikulation. „Du Wichser! Du dumme, arrogante Sau!“

So viel Wut kann nur mitten aus dem Leben kommen, und richtig, das Lied wendet sich an einen ehemaligen Partner der Künstlerin, obwohl es für ihn „eigentlich zu schade“ ist. So etwas kannte man bislang eher aus dem Hip-Hop, wo auf derlei Abrechnungen meist schnell der Gegenschlag folgt. Ob der hier Angesprochene selbst über Talent verfügt, ist unbekannt, die Antwort kann man sich aber gut vorstellen, so im getragen-souligen Stil der Mannheimer Schule: „Du Schlahahahampe! Du fette, blöde Kuohuohuooouoh!“. Im Videoclip kann man ihn sehen, den Wichser, oder zumindest einen Stellvertreter, heute, da die Rückkehr des Patriarchats beschworen wird, durchaus mit Symbolwert. Auf Plakaten erscheint er als breitbeinig die Hüfte nach vorn schiebender, bemützter Pascha. Er sieht nicht so aus, als würde er im Sitzen pinkeln. Darunter steht: „Ich bin die Zukunft“.

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