Kultur : Delikate Diskurswürste

Gesellschaftsmaschinen, Zufallsgemeinschaften: das 6. Berliner Festival „Politik im freien Theater“

Christine Wahl

Alle heutigen Politiker sollten abdanken. Sofort. Alle! Solch radikale Maßnahmen, wie sie der gut gelaunte Herr mit Hippiefrisur und Denkerstirn im Auftakt-Trailer zum Berliner Festival „Politik im freien Theater“ vorschlägt, sind die Sache des „virtuellen Diskurscontainers“ eher nicht. In diesem Container, den der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger in seiner Eröffnungsrede zur renommierten Triennale aufschnürte, lagern eher die ganz großen Fragen denn die eilfertigen Antworten: Wie gesellschaftlich relevant kann Kunst sein? Hat das Theater als politisches Medium ausgedient? Und wenn nicht, mit welcher Ästhetik verwirklichen die eingeladenen Gruppen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einen politischen Diskurs? Eine Zwischenbilanz nach den ersten Tagen des von der Bundeszentrale für politische Bildung ausgerichteten Festivals zeigt, dass es mit dem Diskurs und den Diskursen nicht so einfach ist, wie etwa Habermas sich das vorstellt. Man kann sie mit Clownsnasen ausstatten, grandios unterbieten, parodistisch pervertieren, in selteneren Fällen tatsächlich praktizieren und leider auch grandios verfehlen.

Letzteres war gleich beim Auftakt im HAU der Fall, wo sich das Regie-Paar Peter und Harriet Meining an der Vergegenwärtigung von Friedrich Schillers Dramenfragment „Die Polizey“ versuchte. Mit dem Geschehen um den Pariser Polizeichef d’Argenson – einer Art Superkommissar, der nicht nur „höchst verwickelte Verbrechen“ aufklären, sondern auch auf Augenhöhe mit Berufsdenkern parlieren kann – hatte Schiller eine Röntgenaufnahme der Gesellschaftsmaschinerie schlechthin im Sinn. Bei den Meinings ist es eine Art „Großstadtrevier“ mit Anspruch geworden. „Die Polizey“, so erfahren wir, verfügt erstens nicht durchgängig über d’Argensons IQ, ist zweitens nicht frei von bösen Ressentiments, hat es aber drittens auch wahrlich nicht immer leicht. Um uns vorzugaukeln, man habe sich mit diesem Erkenntnisschatz geradewegs ins Zentrum des „virtuellen Diskurscontainers“ vorgepirscht, versammeln sich hinter einer transparenten Projektionsfläche immer wieder nebulöse Gestalten um eine Verkehrsampel.

Den Wienern Deutschbauer & Spring liegt solcherart Geheimniskrämerei fern. Je deutlicher, desto wirkungsvoller, sagten sie sich bei ihrer Hinterfragung der Erinnerungskultur und ließen das von ihnen diagnostizierte „,Betroffenheits- Amüsement‘ rund um Mahnmale, Holocaust-Ausstellungen und Filme“ in einem „Antifaschismus-Vergnügungspark“ in den Sophiensälen kulminieren.

Sofern die Installationsflüchtlinge später dem „Superasylantenslam“ der Schweizer Gruppe „Schauplatz International“ im Theater unterm Dach beiwohnten, werden sie sich allerdings nach jener plakativen Pervertierung des Diskurses zu Aufklärungszwecken noch zurückgesehnt haben. Denn unter dem Vorwand einer „theatralischen Recherche des Schweizer Asylwesens“ tragen dort erwachsene Menschen mit Clownsnasen ihre akademische Fitness zur Schau wie eine Zweitsemester-WG: Stolz kramen sie ein theatertheoretisches Kleinod nach dem anderen aus dem Nähkäschtli, weisen ohne dramaturgische Not nach, Descartes und Foucault gelesen zu haben, und versuchen vergeblich, ihre Streberhaftigkeit mit ausgeleierten Provokations-Posen zu bemänteln.

Insofern erwies sich der anschließende Ausflug zum „Lagerfeuer“ von She She Pop geradezu als Wohltat. Hier behauptet der Diskurs gar nicht erst, etwas anderes zu sein als eine kurze Zufallsgemeinschaft. Zusammen mit den Zuschauern sitzen die Performer ums Feuer, philosophieren fachfremd über den Punkt, an den sie sich beamen würden, wenn sie sich per Knopfdruck in eine glücklichere Lebensphase zurückversetzen könnten, und gehen dann nahtlos zum Gesangsintermezzo über.

Dass der politische Diskurs im besten Falle tatsächlich praktizierbar ist, konnte man dann aber glücklicherweise doch noch erleben. Beispielsweise bei der Truppe RambaZamba, in der seit fünfzehn Jahren Menschen mit so genannter geistiger Behinderung auf hohem Niveau Theater spielen. Gisela Höhnes Inszenierung „Mongopolis“ – ein schriller Science-Fiction-Krimi um den Horror der Perfektion – ist nämlich nicht nur sinnliches Theater, sondern auch politische Praxis: Einer wohlmeinenden Sozialarbeit, die ihre Klientel letzten Endes in ihrem gesellschaftlichen Außenseiter-Status bestätigt, setzt RambaZamba das Konzept von der Andersheit als Qualitätsmerkmal entgegen; das Recht so genannter Behinderter auf künstlerischen Ausdruck ohne Therapie-Rechtfertigung.

Ein gutes Omen für die verbleibenden Festivaltage, die mit Namen wie Hoffmann & Lindholm oder dem Rimini-Protokoll-Mitglied Stefan Kaegi sowie Sujets von der musikalischen Marxismus-Dekonstruktion bis zum Börsenlehrstück noch viel in petto haben.

Noch bis zum 20.11. im HAU, in den Sophiensälen und weiteren Spielstätten. Infos unter www.politikimfreientheater.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben