Kultur : Delikatessen auf Schafsdarm

Eine Klasse für sich: die Barockgeigerinnen Petra Müllejans, Veronika Skuplik und Midori Seiler

Verena Fischer-Zernin

Neben einer Cecilia Bartoli zu bestehen, ist keine einfache Übung. Wenn das Freiburger Barockorchester die Sängerin begleitet, federt das ganze Ensemble. Wie an einem Zauberfädchen führt die Konzertmeisterin Petra Müllejans das Orchester: von hauchendem Pianissimo bis zu halsbrecherischem Furor. Müllejans, Jahrgang 1959, gehörte zu dem Häuflein Studenten, die das Freiburger Barockorchester vor 20 Jahren gegründet haben. Heute gilt es als eines der führenden Ensembles für Alte Musik, und Müllejans ist eine der bekanntesten deutschen Barockgeigerinnen. Ihre Kolleginnen kennt dagegen oft nur, wer sich mit Alter Musik befasst: die resolute Ulla Bundies etwa, heimlicher Star des Sängerensembles Cantus Cölln, oder Nadja Zwiener, gerade 32 Jahre alt und frisch gekürte Konzertmeisterin bei The English Concert.

Während sich der Musikmarkt immer ungenierter auf die Attribute weiblich, jung, langhaarig stürzt, gelangen Barockgeigerinnen kaum je auf die Titelseiten der Klassikmagazine. Anders als Geigerinnen-Mädchenwunder wie Julia Fischer oder Janine Jansen treten sie zudem meist unter dem Namen ihres Ensembles auf. Die historische Aufführungspraxis wird in kleinen, frei zusammengestellten Gruppen gepflegt. Man spielt projektweise, von Edinburgh bis Istanbul, und in wechselnden Konstellationen. So ist Veronika Skuplik, 43, zum einen Konzertmeisterin des Kölner Orchesters La Stravaganza, um dann wieder als einzige Geigerin auf der Bühne die wunderlichen alten Blasinstrumente des italienischen Concerto Palatino zu domestizieren.

Skuplik hat sich auf das 16. und 17. Jahrhundert spezialisiert. Selbst die größten Komponisten dieser Zeit wie Heinrich Ignaz Franz Biber oder Dietrich Buxtehude sind oft nicht einmal Musikstudenten geläufig. Umso aufregender die Begegnung mit ihren Werken im Konzertsaal. Skupliks dunkle Augen scheinen mit allen Musikern gleichzeitig Kontakt aufzunehmen. Ihr Spiel wirkt, als folgte sie eben gerade einer Eingebung. Und tatsächlich gehörte das spontane Erfinden zur Alten Musik selbstverständlich dazu: Viele Stücke wurden lediglich als Notengerüst skizziert und beim Spielen verziert. Spieler und Sänger überboten sich gegenseitig mit den virtuosesten Trillern, Girlanden und Tiraden.

Die moderne Violine hat Skuplik schon als Studentin hinter sich gelassen. Als erste Geigerin überhaupt machte sie ihren Abschluss an der Akademie für Alte Musik Bremen. In einer Zeit, als die Pioniere der historischen Aufführungspraxis noch verspottet wurden, war das junge Institut eine Insel der Seligen. Skuplik erinnert sich etwa an den Barocktanz, ohne Puder und Perücken, wo sie viel für das Zeitgefühl beim Spielen gelernt hat.

So fremd wie die Alte Musik ist vielen heutigen Hörern der Klang der Barockgeige selbst. Erst im 19. Jahrhundert begann man, die Instrumente auf größere Lautstärke hin zu bauen, und erhöhte den Druck der Saiten auf den Geigenkorpus. Das Holz älterer Instrumente dagegen kann freier schwingen, der Klang ist farbenreicher. Bis zum frühen 20. Jahrhundert spielte man Saiten aus Schafsdarm. Dann kamen Stahlsaiten auf, mit denen die Instrumente stärker und häufig auch recht undelikat klingen. Auch sind die alten Bögen leichter und beweglicher als die heutigen. Sie erlauben rasche Wechsel in Tonstärke und Charakter. Die Musik wird transparent und lebendig.

Wie die fahrenden Geigerinnen Beruf und Privatleben verbinden, dafür gibt es so viele Lösungen wie Fälle. Midori Seiler, 1969 in Japan geboren und in Salzburg aufgewachsen, steht ihre persönliche Quadratur des Kreises noch bevor, ihre Tochter ist erst wenige Wochen alt. Sie sei schon zufrieden, mit dem Kind nicht zu häufig das Hotel wechseln zu müssen, sagt sie. Im Januar wird sie als Solistin wieder kreuz und quer über die Bühne gejagt werden, wenn die Akademie für Alte Musik und Sasha Waltz’ Kompagnie mit ihrer choreografierten Fassung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ im Berliner Radialsystem auftreten. Und im Frühjahr steht eine Einspielung von Beethovens Violinkonzert an, mit dem belgischen Orchester Anima Eterna und Jos van Immerseel.

Die Suche nach Originalklang und Originalspielweise macht mittlerweile selbst vor dem 20. Jahrhundert nicht mehr halt. Seilers Repertoire reicht bis zu Liszt und Ravel. „Die Spieltradition der Romantik besteht nicht ungebrochen fort“, sagt sie. „Noch in den vierziger Jahren hat man andere Mittel benutzt als heute, um das Spiel lebendig zu machen.“ Das Bildnis der Scheherazade, das Seiler in Rimsky-Korsakoffs Orchestersuite zeichnet, gibt ihr recht: Die virtuosen Passagen wirken so kernig wie die traumverlorenen leicht. Nie klingt es nach Kopfarbeit.

Ist es aber – auch. Midori Seiler wägt jedes Wort, wenn sie von Partiturenanalyse erzählt und den historischen Violinschulen von Leopold Mozart oder Abbé le Fils. Für die historische Aufführungspraxis ist die Kenntnis der damaligen Gegebenheiten eine Grundvoraussetzung, und mancher Interpret reist quer durch Europa, um sich in abgedunkelten Lesesälen über halb zerfallene Handschriften zu beugen.

Petra Müllejans dagegen greift für ihr Klaviertrio durchaus auch mal zur modernen Geige und nimmt es mit einem zimmerlangen Konzertflügel auf. „Gegen dieses grauenhafte Klavier kann man sich kaum durchsetzen“, sagt sie und lacht. „Aber die Pianistin ist so toll!“ Gelegentlich zieht sie mit ihrer Tango-Klezmer- Band los, dann wieder leiht sie in Henry Purcells Orchestersuite „Dido and Aeneas“ der sterbenden Königin ihren Geigenton. Jedes Mal ist ihr Spiel anders und so unmittelbar ergreifend, wie man es nur bei einer Sängerin vermuten würde.

Ihre Programme bereitet sie mit der Geige, aber ohne intensives Quellenstudium vor. „Partiturenanalyse nützt mir gar nichts“, sagt sie, „ich muss erfahren, was ich körperlich als das Richtige empfinde.“ Sie kann damit leben, dass ihre Mitstreiter im diskutierfreudigen Freiburger Barockorchester das angreifbar finden. „Das Ohr bestimmt, wie die Musik geht“, sagt sie. Ihr Ohr, versteht sich.

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