Kultur : Delikatessen: "Der Nationalsozialismus"

Jan Gympel

Heute abend (20 Uhr) zeigt die Urania in ihrer Reihe "Der Nationalsozialismus", die zusammen mit dem Bundesarchiv und der FU veranstaltet wird, das berüchtigtste Kinoprodukt des Dritten Reiches: Veit Harlans Jud Süß. Soll man, darf man den Film vorführen, gerade jetzt? Schließlich ist der 1940 zur psychologischen Vorbereitung der "Volksgemeinschaft" auf den Holocaust produzierte Film nicht nur äußerst infam, sondern auch der am brillantesten gemachte und daher vermutlich wirkungsvollste Propagandafilm aller Zeiten. Er kleidet seine Volksverhetzung geschickt in das Gewand eines Kostümfilms mit melodramatischen Zügen. Die antisemitische Botschaft wird historisch legitimiert, indem so getan wird, als ließe sich von dem verzerrten Beispiel eines Juden auf das Benehmen aller schließen. Die Geschichte von der "jüdischen Invasion" Württembergs, die der gerissene Finanzberater des liederlichen Herzogs einfädelt, von der Entmachtung der "arischen" Stände und der Vertreibung der Juden und Tötung des "Jud Süß" war eine nur schwach kaschierte Handlungsanweisung für die damalige Gegenwart. - Den Giftschrank, in dem der Film zu Recht lagert, aber nie zu öffnen, hieße seinen Mythos nur noch zu vergrößern und seine Attraktivität - wie die alles Verbotenen - zu steigern. "Jud Süß" stärkt einen eher in seinem Antifaschismus - zeigt er doch, welcher Methoden sich die Nazis zur Vorbereitung und Legitimierung ihrer Verbrechen bedienten.

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