Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

Eine Auswahl für FeinschmeckerVON JAN GYMPEL"Kuhmörder gehen uns alle an", ist einer der denkwürdigsten Sätze, die uns bisher in Interviews mitgeteilt wurden.Detlev Buck, nicht nur gelernter Regisseur, sondern auch gelernter Landwirt, rechtfertigte damit die Handlung seiner 1991 entstandenen Komödie Karniggels.In der von Buck gewohnten skurrilen Form geht es darin eben um einen geheimnisvollen Bösewicht, der milchspendende Wiederkäuer sinnlos umbringt und einen Jungpolizisten, den es aufs norddeutsche Plattland verschlagen hat."Karniggels" läuft bis Mittwoch im Checkpoint, wie auch Bucks jüngeres Werk "Wir können auch anders", ein Roadmovie, in dem es noch wundersamer zugeht, was kein Wunder ist: Ist doch inzwischen die Mauer gefallen und die beiden unterbelichteten Protagonisten geraten in den Wilden Osten. Apropos Osten: Zu dessen profiliertesten Dokumentarfilmern gehört nach wie vor Volker Koepp.1973 begab er sich erstmals nach Wittstock, als in der schon damals strukturschwachen Prignitz eine Obertrikotagenfabrik eröffnet wurde.Der Arbeitsalltag in der "volkseigenen" Industrie war bei der Defa immer ein beliebtes Thema, außerdem arbeiteten hier vor allem Frauen, und noch besser als deren Emanzipation konnte hier der Ausbau der Konsumgüterindustrie dargestellt werden.Doch was Koepps Auftraggeber als Dokument der Segnungen projektiert hatten, die der Sozialismus auch über das flache Land bringen sollte, avancierte zu einer Langzeitbeobachtung über die Schwerfälligkeit und Ineffizienz der Planwirtschaft, die Tristesse und Agonie der tiefen Provinz, aber auch allgemein über das Altern und das Verblassen von Träumen.Und schließlich natürlich auch über die Erschütterungen, die der Zusammenbruch des Kommunismus mit sich brachte.Alle sieben bisher entstandenen Wittstock-Filme von Volker Koepp zeigt das Berliner Ensemble am Sonntag von 15 bis 22 Uhr. Depression und Gedanken an das Gestern bestimmen auch Schatten der Vergangenheit.Von den fünf Filmen, die das Filmlexikon unter diesem Titel aufführt, ist der 1936 entstandene wohl der interessanteste: Ein düsteres Drama um eine unschuldig Vorbestrafte, die die Position ihrer tödlich verunglückten Zwillingsschwester einnimmt, einem mit einem Staatsanwalt liierten Revuestar, der sie verleugnet hatte.Doch der Schwindel geht an der Psyche der Frau nicht spurlos vorüber.Regisseur Werner Hochbaum, der aus einem linken Milieu kam, konnte sich angesichts der NS-Herrschaft nicht recht entfalten und starb 1946.Inzwischen ist er noch vergessener als die stets wandlungsfähige Luise Ullrich, die hier in der Doppelrolle brillierte (Babylon-Mitte, Sonnabend und Sonntag). Apropos vergessen: Erinnert sich eigentlich noch jemand an William Holden, Gloria Swansons Objekt der Begierde in "Sunset Boulevard", Star in einigen weiteren Werken Billy Wilders, in Melodramen wie "Alle Herrlichkeit auf Erden" oder Kriegsfilmen wie "Die Brücke am Kwai"? 1981 einsam gestorben, hätte er morgen seinen achtzigsten Geburtstag feiern können.Das Filmmuseum Potsdam gedenkt seiner mit Edward Dmytryks Bürgerkriegswestern "Alvarez Kelly" von 1965 und mit der ein Jahr später von fünf Regisseuren inszenierten, wüsten James-Bond-Parodie "Casino Royale" mit schrillen Dekors, wundervoller Musik von Burt Bacharach, David Niven als 007 und Woody Allen als neurotischem Superbösewicht, der am Ende das gesamte Staraufgebot ins Jenseits befördert, indem er eine Atombombe verschluckt (beide Filme bis Sonntag).

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