Kultur : Delikatessen

JAN GYMPEL

Eine Auswahl für FeinschmeckerVON JAN GYMPELWen schicken wir eigentlich im nächsten Jahr ins Grand-Prix-Rennen, damit die Medien sich wieder an einem selbstproduzierten Thema berauschen und die Nation womöglich nur noch triumphale siebzig Punkte hinter dem Gewinner liegt.Hella von Sinnen? Samson aus der Sesamstraße? Oder gleich Helmut Kohl, natürlich im schulterfreien Abendkleid? Zumindest hat der diesjährige Rummel dazu geführt, daß sich nun auch die Stiftung Deutsche Kinemathek und das Zeughaus-Kino dem Tralala nicht mehr verschließen.Sie entführen uns heute abend mit zwei Filmen in jene Zeiten, als nicht nur die Schlagerwelt noch in Ordnung schien, sondern auch die Haare der Herren kurz und gewaschen, die Schuhe der Damen grazil und ihre Kleider elegant waren.Paul Martins Marina, in dem neben anderen Teddy Stauffer, Trude Herr und Bubi Scholz zu sehen sind, und Fritz Umgelters Wenn die Conny mit dem Peter sind zwei Vertreter aus der Hoch-Zeit des westdeutschen Schlagerfilms um 1960.Bis vor kurzem hat man sich vor so etwas gegraust.Eine wahre Parodie auf das Schlager-Unwesen und seine ökonomischen Mechanismen brachte 1986 Werner Nekes mit Johnny zustande.Sonst Verfertiger eher unerquicklicher "Experimentalfilme", erzählte er hier in schönster Trash-Form die Geschichte eines jungen Elektrikers, der weder gut aussieht noch Stimme hat und dennoch als Schlagersänger reüssieren will und kann.In der Hauptrolle: Helge Schneider, noch anders als heute gestylt, dessen bester Film dies fraglos ist (Checkpoint, bis Mittwoch).Ein ebenso authentisches wie rares Dokument aus dem Showbiz hingegen am Sonnabend im Arsenal: Jenes weitgehend improvisierte Video, das die Beatles 1967 höchstselbst von ihrer Magical Mystery Tour herstellten.Wer lieber auf deutschen Anspruchsfilm traditionellen Zuschnitts setzt, dem bietet das Babylon-Mitte derzeit im Rahmen seiner Reihe "Klassiker des Neuen Deutschen Films" einige Frühwerke von Edgar Reitz."Cardillac" ist eine 1968 entstandene, stark modernisierte Version von E.T.A.Hoffmanns Kriminalgeschichte "Das Fräulein von Scuderi" (heute); "Stunde Null" schildert die Erlebnisse eines entwurzelten Halbwüchsigen in einem mitteldeutschen Dorf bei Kriegsende (Montag und Dienstag); und die 1980 entstandene Dokumentation "Geschichten aus den Hunsrückdörfern" muß man natürlich schon als Vorspiel zu "Heimat" sehen (am 23.Mai).Hohe Kultur auch im Zeughaus: 1965-67 durfte sich Sergej Bondartschuk als Regisseur, Co-Drehbuchautor und einer der Hauptdarsteller daran versuchen, Hollywood in der Adaption von Tolstois Krieg und Frieden zu überbieten.Das um strenge Werktreue bemühte, fast achtstündige Ergebnis ist morgen (Teil 1), Sonnabend (Teile 2 und 3) und Sonntag (Teil 4) zu besichtigen.Weniger bekannt, aber auch recht umfangreich: Patricio Guzmáns La Batalla de Chile, eine viereinhalbstündige Dokumentation über die Entwicklungen im Chile des Jahres 1973, die schließlich in den fatalen Militärputsch mündeten (Teil 1 morgen, Teil 2 Sonnabend, Teil 3 Sonntag).

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