Kultur : Delikatessen

JAN GYMPEL

Die Weltbeglückungstheorien, die das 20.Jahrhundert verdorben haben, stießen frühzeitig auf ein Problem, das sie eigentlich alle Unterstützung intelligenter Menschen hätte kosten müssen: Die Realität wollte sich partout nicht nach ihnen richten.So hätte sich etwa ein Flüchtlingsstrom aus dem "alten Nazistaat BRD" in das "Arbeiter- und Bauernparadies" DDR wälzen müssen.Da es bekanntlich umgekehrt war, versuchte die Defa, die Welt so zu zeigen, wie sie nach den Heiligen Schriften des Kommunismus hätte sein müssen.Ein wenig bekanntes, obwohl seinerzeit hochgelobtes Beispiel dafür ist Die Sieben vom Rhein, den das Arsenal heute in seiner Reihe "FilmDokument" zeigt: 1954 waren sieben Arbeiter aus dem Ruhrgebiet in die DDR geholt worden, um den sozialistischen Aufbau am Beispiel Riesas und seines Stahlwerks zu bewundern.Der Trick bestand darin, daß man ihnen nur einen begrenzten Blick auf die Schokoladenseite des SED-Staates erlaubte; angesichts solcher Manipulation konnten sich die Regisseure Annelie und Andrew Thorndike die damals ungewöhnliche Verwendung von Originalton bei der Beobachtung der Besucher erlauben, welche - um den Wert des Lobes für die DDR zu erhöhen - wohl durchweg keine Kommunisten gewesen waren.Einen "Spielfilm ganz besonderer Art", nannte die "Wochenpost" dies damals, wobei offenbleibt, ob sich das Blatt bei dieser Charakterisierung des Films damals subtilen Hohn herausnahm.Außerdem in dem Programm: Ein Strom fließt durch Deutschland, ein farbiges, etwa zeitgleich und mit dem gleichen gesamtdeutschen Impetus entstandenes Defa-Epos über die Elbe.

Arsenal zum zweiten: Die seltene Gelegenheit, den umtriebigen Chef des Hauses wie des Berlinale-Forums live zu erleben, hat man am Sonntagvormittag.Im Rahmen einer Tagung mit dem Titel Enden von Geschichten/ Geschichten des Endes hält Ulrich Gregor einen Vortrag über "Das Ende im Film als Rückkehr in die Wirklichkeit" (mit Schaudern denken wir da an die späten Defa-Filme zurück, die einen stets mit einer plumpen Abblende, ohne "Ende"-Schild zu nochmals aufwallender Musik, entließen).Anschließend spricht Hermann Kappelhoff über "Apokalypse und Wiederholung" in James Camerons "Titanic".

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