Kultur : Delikatessen

JAN GYMPEL

Erst wurden ausgefallene Sexualpraktiken zu einem Lieblingsthema der Medien, dann Pornostars salon- oder zumindest talkshowfähig.Inzwischen scheint der pornographische Film selbst endlich zu dem zu avancieren, wonach seine Macher schon immer strebten (weswegen sich aber niemand derlei anguckt): anerkannte Kunst.Und derweil sich der US-Film "Boogie Nights" der amerikanischen Pornoproduktion der siebziger Jahre und ihres hervorstechendsten Stars annimmt, zeigen zwei Berliner Kinos originale Schmuddelfilmchen aus jener Zeit, wobei das Central eher hetero-, das Xenon homosexuelle Gelüste bedient.Bis Mittwoch auf dem Programm: "Behind The Green Door", 1972 einer jener "Edelpornos", die damals mit exakt ausgearbeiteten Drehbüchern und künstlerischen Ambitionen dem Genre ein neues Publikum erschlossen und auch bei der seriösen Presse Beachtung fanden.Wozu im Falle dieser orgiastischen Phantasie auch beitrug, daß ihre - stumm bleibende - Protagonistin Marilyn Chambers zuvor als "Ivory Snow Girl" in der Waschmittelreklame bekannt geworden war.Das schwule Pendant dazu entstand, ähnlich prätentiös und surreal angehaucht, etwa zeitgleich mit "Bijou", in dem ein Bauarbeiter in ein geheimnisvolles Theater gerät und dort zu sexuellen Ausschweifungen getrieben wird.Der Film läuft zusammen mit dem ebenfalls von Wakefield Poole Anfang der siebziger Jahre inszenierten "The Boys in the Sand", und tatsächlich haben all diese Streifen inzwischen einen film- und zeithistorischen Wert: Heute erscheinen sie als Auftakt zu einem zügellosen Jahrzehnt, seit dessen Ende Sex wieder mit Gefahr, Angst und Vorsicht verbunden ist und man sich so hemmungslos tatsächlich nur in seinen Träumen benehmen kann.

Noch mehr Homosexuelles: Im Vorgriff auf den Christopher Street Day, bei dem es dieses Jahr zur Abwechslung mal wieder um politischen Inhalte gehen soll, veranstaltet das Kino International am Montag eine Gay Pride Night.Gezeigt werden der Spielfilm "Stonewall" und eine Dokumentation über den Gast des Abends, Stormé de Larverié: Sie (oder sollte man die als Mann auftretende Jazzsängerin als "er" titulieren?) ist Veteranin jenes Aufstands rund um die kleine Bar Stonewall in der New Yorker Christopher Street, der vor 29 Jahren den "Schwulen- und Lesbenfeiertag" begründete.

Richtig politisch dagegen geht es im Arsenal und Babylon-Mitte in den nächsten zwei Wochen zu - bei einer fast vollständigen Retrospektive des italienischen Filmemachers Nanni Moretti: Gezeigt werden acht Arbeiten des undogmatisch-linken Regisseurs, Produzenten, Drehbuchautors und Darstellers, meist mit Tragikomik um die seelischen und politischen Verwirrungen junger Mittelschichtler kreisend, die sonst dummerweise keine Sorgen haben - von seinem vor über 20 Jahren entstandenen Debüt "Ich bin ein Autarkist" bis hin dem sanftmütigen "Liebes Tagebuch" und der bitteren Abrechnung mit dem Terrorismus "La seconda volta", in der Moretti "nur" die männliche Hauptrolle spielt.Morgen im Arsenal und am Sonnabend im Babylon-Mitte will er anwesend sein.

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