Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

"Ich werde Sie nicht mehr belügen und betrügen als andere Kandidaten auch.Und falls doch, dann nur aus wichtigen staatspolitischen Gründen!" In einer Zeit, da Parteienverdrossenheit um sich gegriffen hat und Politiker fast ein noch schlechteres Ansehen genießen als manche Journalisten, ist das doch mal ein erfreuliches Versprechen.Es stammt von Karl Nagel, dem Kanzlerkandidaten der "Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands".Im Vergleich zu dieser Punkgruppierung, die dieses Jahr erstmals an der Bundestagswahl teilnimmt, wirkt Christoph Schlingensiefs "Chance 2000" samt ihren Provokatiönchen flau.Statt um Arbeitsplätze zu buhlen und mißglückte PR-Aktionen in Österreich zu starten, weist die APPD nämlich tabubrechend darauf hin, daß diverse Arbeitslose mit ihrer Lage womöglich ganz zufrieden sind.Und empfiehlt, daß weitaus mehr Leute sich diesem Gefühl aufschließen sollten, denn die Zeiten der Vollbeschäftigung sind wahrscheinlich für immer vorbei."Arbeit ist Scheiße!" plakatiert die "Partei des Pöbels und der Sozialschmarotzer" daher offensiv und postuliert stattdessen "Saufen, saufen, den ganzen Tag nur saufen!".

Wer mehr über diese Gruppe erfahren will, mit der sich das kulturelle Subproletariat endlich einmal eine Stimme verschafft, sehe sich Nie wieder Arbeit an, eine abendfüllende Mixtur aus Porträt und Wahlwerbung, in der vor allem die Kampagne zur Hamburger Bürgerschaftswahl im vergangenen Jahr dokumentiert wird.Da die APPD dort weniger als ein Prozent einfuhr, gab es allerdings keine Wahlkampfkostenerstattung, so daß ein Versprechen nicht erfüllt werden konnte: das Geld vom Staat in Freibier umzusetzen (Brotfabrik und Eiszeit, bis Mittwoch).

In die untergangene Welt des industriellen Zeitalters und des naiven Arbeiterstolzes führt am Montag das Zeughaus: In Asse porträtierte Karl Gass 1965/66, also in der kurzen Zeit relativer Liberalität, eine Schweißerbrigade beim Aufbau einer Erdölraffinerie im "Wilden Osten" der DDR, sprich Schwedt.Das westdeutsche Pendant dazu entstand ein Jahr später: Klaus Wildenhahns In der Fremde über Arbeit und Auseinandersetzungen auf einer abgelegenen Baustelle, ebenfalls ein Beispiel des aufmerksam und unkommentiert beobachtenden "Direct Cinema".

Um einen thematischen Mythos des Dokumentarfilms geht es im Arsenal: Die westlich von Irland gelegenen Aran-Inseln wurden erstmals 1934 von Robert Flaherty, einem der Pioniere des Genres, besucht.Seinen vieldiskutierten "Man Of Aran" (Sonnabend) vor Augen, machten sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre immer wieder Filmregisseure zu den rauhen Eilanden auf, um zu überprüfen, wie weit Flahertys Blick romantisch verklärt war und die soziale Realität ignorierte, welche Probleme es heute gibt und wie das Image der Inseln noch immer von dem Filmklassiker geprägt wird.Die diversen Filme laufen bis nächsten Donnerstag, als Pendant und Ergänzung gibt es Heinrich Bölls 1961 entstandenes Filmessay Irland und seine Kinder zu sehen (morgen).

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