Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

Wie bei Drogen muß man offenbar auch beim Konsum von Sex- und Gewaltbildern die Dosis immer weiter steigern, um noch auf sie anzusprechen.Nur so ist zu erklären, daß Spielbergs "Saving Private Ryan" vielerorts als der erste Film gefeiert wird, der das Schlachtgemetzel in seiner ganzen Grausamkeit nacherlebbar mache.Denn vor fast siebzig Jahren wurde das gleiche über Hollywoods Remarque-Adaption Im Westen nichts Neues gesagt.Rechtzeitig zum Start von Spielbergs neuestem Spektakel zeigt das Zeughaus am Montag und am 16.Oktober diesen Film über den Ersten Weltkrieg, der damals so schockierend wirkte, daß die Zensur ihn glaubte entschärfen zu müssen.Hinzu kam die politische Botschaft: Die Schilderung der Schrecken an der Front, des Elends daheim und der Entwurzelung der Soldaten brachte in Deutschland insbesondere die Rechten auf die Palme, die schon wieder am nächsten Krieg bastelten.Zumal der "Heldentod" hier, anders als bei Spielberg, als sinnlos, schmutzig und überaus banal erscheint.

Noch eine Nachhilfe in Sachen Filmhistorie: Sechs Millionen Zuschauer für den "Bewegten Mann", zehn Millionen für "Independence Day", 17 Millionen für "Titanic" - alles schön und gut.Aber was ist das gegen die mehr als 20 Millionen, die in Die Trapp-Familie strömten? 1956 auf dem Gipfel des Wirtschaftswunders wie des Nachkriegskino-Booms herausgekommen, dürfte der Film der erfolgreichste der letzten 50 Jahre sein.Ruth Leuwerik gab die Novizin, die einen kinderreichen verwitweten Baron heiratet, mit der gewohnten Noblesse.Und mitzuerleben, wie die Großfamilie trotz ökonomischer Not, Verfolgung durch die Nazis und schließlicher Flucht in die USA optimistisch und intakt bleibt, das war für das damals noch in jeder Hinsicht recht kaputte Deutschland offenbar ein Wunschtraum, dem nur wenige widerstehen konnten (Zeughaus, Sonntag und Dienstag).

Musik und schönen bunte Bilder gibt es selbstverständlich auch bei Werbefilmen.Einen Querschnitt deutscher Kinoreklame von 1930 bis 1970 präsentiert der Berliner Sammler Ralf Forster bei seinem monatlichen Jour fixe am Montag im Acud.Darunter: Arbeiten des in den fünfziger Jahren erfolgreichen "deutschen Disney" Hans Fischerkösen, eines der berühmten Zigarettenballette von Oskar Fischinger, Obskures aus der Nazizeit von Maggi und Osram, Sonderangebote in Schnaps und Plaste aus der HO und eine der noch bei jeder Wahl vorgebrachten CDU-Warnungen, daß ein Sieg der SPD zu Not und Elend führen werde.

Ebenfalls montags ist in der Filmbühne am Steinplatz Jour fixe des Dokumentarfilms.Diesmal zu sehen: Grünschnäbel, Calle Overwegs Abschlußarbeit an der Berliner Filmakademie über einige Kinder, "die schon wissen, was sie werden wollen" - Model oder Rennfahrer beispielsweise, aber auch Catchkampf-Reporter oder Steinsammler.Die unkommentierten Beobachtungen deprimieren nicht nur deshalb ein wenig, weil sie plumpeste Prägungstheorien zu bestätigen scheinen, sondern auch weil man schon ahnt, was aus all den schönen Träumen werden dürfte.

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