Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

"Was heute noch wie ein Märchen scheint, ist morgen schon Wirklichkeit": Dieser Spruch aus dem Vorspann zur "Raumpatrouille" zeugt nicht nur von einem Optimismus hinsichtlich der Segnungen der technologischen Entwicklung, der mittlerweile passé ist.Man kann ihn auch auf den gesellschaftlichen Fortschritt beziehen, und dort ist Zuversicht noch immer angemessen.So wagte es anno 1972 selbst der sehr sozialliberal gesonnene WDR nicht, Rosa von Praunheims Filmpamphlet Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt ins erste Programm einzubringen.Erst nach langen Protesten und einer Kinoauswertung, die ihn zu einer Initialzündung der bundesdeutschen Schwulenbewegung werden ließ, wurde er ein Jahr später in der ARD ausgestrahlt - wobei sich der Bayerische Rundfunk wieder einmal ausklinkte.Zwanzig Jahre später zeigte der Münchner Sender in seinem eigenen dritten Programm eine ganze Schwulenfilmreihe.So ähnlich dürfte es auch zugehen, sollte die rot-grüne Bundesregierung homosexuelle Partnerschaften wirklich vor dem Gesetz gleichstellen: Während Kirche und Konservative Zeter und Mordio schreien werden, freuen wir uns schon auf die Familienförderprogramme, die die bayerische Staatsregierung zirka 2020 (dann natürlich immer noch in CSU-Regie) auch schwulen und lesbischen Paaren zugute kommen lassen wird.Und auf die homosexuellen Scheidungsdramen samt finanziell Ruinierten und Gezänk um die Kinder, die uns schon sehr viel früher blühen dürften (Babylon-Mitte, morgen und Montag).

Noch ein Blick in die Geschichte: Während Praunheim in den siebziger Jahren eine Existenz als Paradiesvogel begründen konnte, sah sich Peter Nestler 1966 noch gezwungen, als Linker nach Schweden zu emigrieren.Zu den letzten Dokumentarfilmen, die der einst auch als Schauspieler Tätige damals für einen deutschen Sender realisieren konnte, gehört Ein Arbeiterclub in Sheffield: 1965 entstand das dreiviertelstündige Werk, das die alltäglichen Vergnügungen (buntes Bühnenprogramm, Bingo, Kneipenleben) in dem selbstverwalteten Treffpunkt der Stahlarbeiterstadt beobachtete und damit eine industrielle Welt und vor allem ein selbstbewußtes Proletariat festhielt, die inzwischen so sehr Vergangenheit sind wie der auftraggebende Süddeutsche Rundfunk, der wohl mehr für den hiesigen Dokumentarfilm getan hat als irgendein anderer Sender.Das Zeughaus zeigt die Rarität, deren Kommentar Robert Wolfgang Schnell sprach, heute und am Montag.

Zu einer völlig anderen Zeit zählt das Wirken von Laibach: In einer links dominierten Welt, wie es das seinem grausigen Ende entgegendämmernde Jugoslawien der achtziger Jahre war, kann man natürlich nicht mehr mit Maobibeln, langen Haaren und Ho-Chi-Minh-Rufen provozieren.Hier läßt sich am besten mit rechten Versatzstücken stänkern, wobei noch hinzukommt, daß die Postmoderne ohnehin die gesamte Geschichte als Grabbelkiste betrachtet, aus der man sich nehmen kann, was gerade gefällt; Collage, Spielerei und Selbstironie sind die Devise.Wie weit es gerade mit letzterem bei der slowenischen Band her ist oder ob die mit Faschistoidem kokettierende Ästhetik der Gruppe nicht einer gefährlichen Verharmlosung den Weg bahnt (Rammstein kupferte dieses Konzept ebenso erfolgreich wie platt ab), ist eine seit Jahren heiß diskutierte Frage.Im Angesicht der 1988 entstandenen Selbstdarstellung Laibach - Sieg unter der Sonne kann man sie erneut wälzen (Brotfabrik, bis Mittwoch).

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