Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

Lustig ist das Intellektuellenleben in Deutschland: Da beklagt etwa jemand in einer Sonntagsrede, daß man kaum noch diskutieren könne, ohne daß irgendjemand sofort "Faschismus" brülle - woraufhin sofort die ersten Rufe, diese Behauptung sei ja wohl Faschismus, erschallen.Kein Wunder, daß es da kaum noch der Satiren und Komödien bedarf und das deutsche Lustspielwesen seit Jahrzehnten in eher seichten Gewässern dahindümpelt.An jene fernen Zeiten, da dies noch anders war, erinnert Kristin Thompson: Die US-Filmwissenschaftlerin, die sich auf Recherchereise durch die Bundesrepublik befindet, spricht heute im Filmmuseum Potsdam und am Sonnabend im Arsenal über Ernst Lubitsch und die Unterschiede seiner Arbeitsweise in Deutschland und den USA.Danach läuft heute die 1921 entstandene Groteske "Die Bergkatze", in der sich Lubitsch in bizarrer Weise über Abenteuerfilme und das Militär lustig machte; Helmut Schulte begleitet den Film auf der Welte-Kinoorgel.Und am Sonnabend die 1919 gedrehte Satire "Die Austernprinzessin", eine Art Comicstrip, mit der der Meister pompöse Filme über die "besseren Kreise" und ihre Pseudoprobleme ebenso verhöhnte wie sozialneidgeprägte Zerrbilder von "den Reichen".

"Die Geister der von den Franzosen erschossenen Freischärler erheben sich von der Erde und ziehen mit fliehenden Fahnen über uns dahin, neuen Kämpfen entgegen.Die Herzen der Jugend aber folgen diesen Fahnen.Und das ist das Gefährliche", schrieb die "Vossische Zeitung" 1933, als Lubitsch und sein Humor in Deutschland nicht mehr erwünscht waren, über Der Rebell.Ob das liberale Blatt, dem die Nazis bald darauf nach über zweihundertjähriger Existenz den Garaus machen sollten, wußte, wie recht es mit seiner Einschätzung hatte? Luis Trenkers patriotischer Heimatfilm aus der Zeit der napoleonischen Besetzung Tirols, wie gewohnt in Spiel und Dramaturgie ebenso holprig wie in den Bergaufnahmen beachtlich, soll Hitler ganz besonders gemocht haben, insbesondere die oben beschriebene Schlußeinstellung.Groteskerweise waren an dem Werk mit dem Produzenten Paul Kohner und dem Co-Regisseur Kurt (Curtis) Bernhardt zwei Leute beteiligt, die bald zu Emigranten werden sollten.Zusammen mit einer weiteren fragwürdigen Bernhardt-Arbeit aus jener Zeit, dem anti-napoleonischen Heldenlied Die letzte Kompagnie mit Conrad Veidt in der Hauptrolle, zeigt die Kinemathek "Der Rebell" heute im Zeughaus.

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