Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

Irgendjemand hat einmal das Bonmot in die Welt gesetzt, Ephraim Kishon liefere den Beweis dafür, daß Satire auch affirmativ sein könne.Normalerweise ist sie subversiv, weshalb Diktaturen mit ihr stets größte Probleme haben: Über die Verhältnisse im eigenen Land darf man sich nur vorsichtig kritisch äußern, geht es um Gegner des Regimes, verkommt die Satire meist zu plumper Propaganda.Satirebemühungen aus der DDR stellt am Montag im Acud der Berliner Filmsammler Ralf Forster vor: Er zeigt die Beispiele aus der Stacheltier-Reihe, die von 1953-65 produziert wurde, allerdings in besonders bizarrer Form.Was als Vorfilm fürs "große" Lichtspieltheater gedacht war, wurde nämlich auch auf Schmalfilmen fürs Heimkino vertrieben, stumm - mit mitgelieferten Textzetteln, deren pädagogisch wertvolle Knittelverse bei der Projektion vorgelesen werden sollten.

Eine ganze Woche lang kann man in der Brotfabrik einen abendfüllenden DDR-Satireversuch betrachten: 1967, kurz nachdem das berüchtigte 11.ZK-Plenum gegen die Kultur gewütet hatte, entstand Günter Reischs Ein Lord am Alexanderplatz mit Erwin Geschonneck, Angelica Domröse und Armin Mueller-Stahl.Zwar schildert die Komödie etwas holzhammerhaft, wie ein alternder westdeutscher Heiratsschwindler im Arbeiter-und-Bauernparadies resozialisiert wird, in das er nicht ganz freiwillig übergesiedelt ist.Und die diversen Aufnahmen von der Gegend rund um den Alex, die damals gerade in die noch heute dort gähnende Betonwüste verwandelt wurde ("Wir räumen auf!" heißt es dazu im Film), stimmen wehmütig.Aber gerade aus diesen historischen Gründen ist der Film interessant (bis Mittwoch).

Man kann natürlich nicht nur mit Satire provozieren.Bemerkenswert ist aber, daß viele Jungregisseure insbesondere am Theater noch immer glauben, "ficken" zu sagen, die Schauspieler sich ausziehen, mit Eßwaren herumwerfen und Goethe in SS-Uniform aufmarschieren zu lassen (letzteres am besten in einem Stück von Shakespeare), sei besonders provokant.Da gucken wir lieber Filme aus einer Zeit, als man noch leicht stänkern konnte: Eine kleine Retrospektive der Sechziger-Jahre-Werke aus Andy Warhols Factory zeigt das Arsenal in "langen Nächten" an diesem Sonnabend, dem 15.sowie dem 26.November.Damit das Publikum aber nicht zu schnell wegdämmert, wird die Provokation durch das statisch-experimentelle Frühwerk des Meisters nur an einem Beispiel präsentiert: "Tarzan & Jane Regained (Sort Of)".Außerdem laufen übermorgen "Blow Job", "Bufferin" und "My Hustler".Und da die Veranstaltungen zusammen mit dem Kunstmuseum Wolfsburg stattfinden, kann man mit der Eintrittskarte die dort laufende Warhol-Exposition zu ermäßigtem Preis besuchen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben