Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

Eine Geschichte in mehreren Varianten zu erzählen sei etwas ganz Neues, jubelten Kritiker anläßlich "Lola rennt", manche listeten sogar ähnliche Filme auf - und vergaßen den berühmtesten: Akira Kurosawas Rashomon, mit dem der kürzlich verstorbene Regisseur weltberühmt wurde.Der 1950 gedrehte Film erhielt den Oscar wie den Goldenen Löwen, kam deshalb für die damalige Zeit ungewöhnlich schnell in die europäischen Kinos und fand zahlreiche Nachahmer."Rashomon" dreht sich um die Ermordung eines Samurais und die Vergewaltigung seiner Frau.Nacheinander wird das Geschehen aus der Sicht des Mannes, der Frau, eines Zeugen und des Täters erzählt.(Filmmuseum Potsdam, morgen bis Sonntag; Babylon-Mitte, Montag bis Mittwoch).

Hatte Kurosawa vor allem in seiner Frühzeit Tendenzen zum Expressionismus gezeigt, so erwartete man derlei vom "Caligari"-Regisseur Robert Wiene in Reinkultur.Diese Erwartungen erfüllte er auch mit Raskolnikow, seiner Adaption von "Schuld und Sühne".Das Filmmuseum Potsdam zeigt den Stummfilm morgen und am Sonntag.

"Expressiv" war auch eines der vielen, nie recht passenden Etiketten, die man der Multikünstlerin Valeska Gert anklebte.Da ihre Tätigkeit als "Grotesktänzerin" kaum in bewegten Bildern festgehalten wurde, müssen wir Nachgeborenen ihre Wirkung aus ihren Filmauftritten rekonstruieren: Etwa aus ihrer Rolle als Frau Greifer in Pabsts "Die freudlose Gasse", wo sie nicht nur als Kupplerin agiert, die die notleidende Greta Garbo verhökern will, sondern auch ein Amüsierlokal samt Bühnenprogramm betreibt.Oder als bizarres Medium in Fellinis "Julia und die Geister".Wie auch die erste Adaption der "Dreigroschenoper" bietet das Nickelodeon diese Streifen morgen in einer langen Valeska-Gert-Nacht, alle drei zusammen zum Sonderpreis von fünfzehn Mark.Einen weiteren Gert-Auftritt zeigt das Zeughaus am Sonntag mit Pabsts "Tagebuch einer Verlorenen": In dem hart am Groschenroman entlangschrammenden Drama mit Louise Brooks und dem wunderbar fiesen Fritz Rasp spielt sie die Leiterin eines Erziehungsheims, die in Ekstase gerät, wenn sie die Zöglinge im Rhythmus ihres Gongschlags turnen läßt und darüber schließlich einen Orgasmus bekommt.

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