Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

Manchmal braucht es Distanz, um eine Sache klarer erkennen zu können: In der Sketchserie des Briten Harry Enfield, die derzeit auf Arte gezeigt wird, ist eine wiederkehrende Witzfigur ein junger deutscher Tourist in London.Da steht er etwa an einer Bushaltestelle, plaudert mit dem neben ihn wartenden Engländer mittleren Alters und erklärt ihm plötzlich völlig unvermittelt: "Ich muß mich für das Benehmen meiner Nation im Krieg entschuldigen." Peinlich berührt meint der Brite: "Aber Sie waren doch damals noch gar nicht geboren." - "Nein!" brüllt ihn daraufhin der Deutsche an: "Als Deutscher trage ich eine Erblast.Und Sie dürfen mich das niemals vergessen lassen!" Oder er fällt über eine Gruppe anderer Touristen her: "Ich möchte mich aufrichtigst bei jedem von Ihnen entschuldigen und Sie versichern, daß die Schande an mir haftet bis ins Grab." Als diese dann vor seinen Tiraden über die "miesen, wurstfressenden Krauts" und ihre Luftangriffe flüchten, schreit er ihnen hinterher: "Wo wollen Sie hin? Sie kommen sofort zurück! Widerstand ist zwecklos!"

Ähnlich inkorrekt ist Kevin Brownlows It happened here.Behauptet der spätere Stummfilmexperte doch in seinem 1966 entstandenen Frühwerk, daß sich die Briten im Falle einer nazi-deutschen Besetzung keineswegs so heldenhaft verhalten hätten wie sie es sich später immer gern einredeten.In der geschickten Rekonstruktion des Ambientes der vierziger Jahre, die um so bemerkenswerter ist, als es sich um einen Low-Budget-Film handelt, erzählt er die Odyssee einer Britin, die zwangsevakuiert, dienstverpflichtet wird und die verschiedensten Schrecken des Nationalsozialismus kennenlernt: Eine widerwillige Mitläuferin, die in dem Chaos zu überleben und halbwegs das Richtige zu tun versucht und sich dennoch die Finger schmutzig macht.Wie sich wohl die meisten Menschen in solchen Situationen verhalten, egal welcher Nationalität.Aber was ist denn dann mit jenem Genozid-Gen, das mancher bei den Deutschen entdeckt haben will und welches sie rund um die Uhr zu neuerlichen Schandtaten treibt, die sie sich nur mühsamst verkneifen können? Könnte Brownlows Film nicht Beifall von der falschen Seite bekommen? Ist er dann nicht geistige Brandstiftung? Wir möchten uns schon im voraus für die Vorführung heute im Zeughaus entschuldigen.

Weniger wütend und traurig macht uns die Reihe Marlene in Berlin und Hollywood am gleichen Ort: Mit neuen und restaurierten Kopien um 1930 entstandener Filme zeigt die Stiftung Deutsche Kinemathek am Sonnabend und Sonntag die Verwandlung der etwas pummeligen Berlinerin zur ranken Hollywood-Diva."Ich küsse Ihre Hand, Madame" oder "Gefahren der Brautzeit", kaum bekannte Frühwerke, zeigen die Dietrich als kokett-verführerischen Filmstar - von diesen Filmen wollte die Schauspielerin später nichts mehr wissen."Die Blonde Venus" oder "The Devil is a Woman" drehen sich dann ganz um den glamourösen Hollywood-Star, veredelt durch Josef von Sternbergs ingeniöse Lichtregie.Als Einstieg dient morgen Maximilian Schells einfühlsamer Interviewfilm "Marlene", der die im Alter zurückgezogen in Paris lebende Diva zwar nicht im Bild zeigt, sie aber unnachahmlich schnodderig im Urteil über Kollegen, Filme und Kritiker hören läßt.Danach sind, eine Rarität, die Probeaufnahmen Marlene Dietrichs zum "Blauen Engel" zu sehen.

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