Kultur : Delikatessen

JAN GYMPEL

Lyrische, mit Licht und Schatten spielende Bilder, sanft ineinander verschwimmend.Stürzende Linien, expressives Spiel, "verkantete" Ansichten und eine entfesselte Kamera, irritierende Detailaufnahmen technischer Gegenstände, denen man durch geschickte Photographie zu überraschender Ästhetik verhilft, stakkatoartig geschnitten und mit einer kühnen, teils kakophonen Montage von Musik und Geräuschen versehen - all dies erwartet man kaum von einem Film aus der Nazizeit.Doch Willy Zielkes Das Stahltier entstand 1934/35 in offiziellem Auftrag und zu einem dem Dritten Reich wichtigen Anlaß: Für die Reichsbahndirektion München sollte der 100.Geburtstag der ersten deutschen Eisenbahn gefeiert werden.Zielke tat dies größtenteils durch abstrakte Filmkunst mit lebenden Objekten, wie es am berühmtesten von Walter Ruttmann mit "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" vorexerziert worden war.Und am berüchtigtsten von Leni Riefenstahl fortgeführt wurde.Für deren Olympia-Film photographierte Zielke auch den Prolog.Ruttmann stellte seine avantgardistische Ästhetik ebenfalls in den Dienst der Nazis.Daß Zielkes siebzigminütiger Streifen über Entstehung und Kosmos des "Stahltieres" Lok rasch verboten wurde, dürfte denn auch weniger in der Filmform begründet gewesen sein.Wahrscheinlicher ist, daß die Eisenbahn in den historischen Spielszenen - wahrheitsgemäß - zu sehr als Kind britischer und französischer Erfinder erschien; außerdem gab es wohl Rivalitäten zwischen Münchner und Berliner Stellen.Inhaltlich ist der Streifen durchaus von der NS-Ideologie angehaucht, etwa in der Darstellung der Erfinder als einsame Genies oder der vorgeführten Versöhnung von Intelligenz und Proletariat.Dennoch bleibt er eine der aufregendsten Entdeckungen, die man unter den NS-Produktionen machen kann (Filmmuseum Potsdam, heute und Sonnabend).

Mit der künstlerischen Avantgarde hatten es anfangs auch die Kommunisten, der Konstruktivismus kann sogar als die offizielle Ästhetik der jungen Sowjetunion angesehen werden.In Aelita freilich blieb er auf den Mars beschränkt, was uns andererseits rare Aufnahmen aus dem Moskau der zwanziger Jahre bescherte.Das bizarre Science-Fiction-Drama von 1924 wird auf dem Klavier begleitet von Jürgen Kurz (Babylon-Mitte, Sonntag).Ein Märchen anderer Art dann am Dienstag und Mittwoch am gleichen Ort: Das russische Wunder.1963 feierten mit diesem Zwei-Stunden-Werk Andrew und Annelie Thorndike, zwei der notorischsten Propagandafilmer der frühen DDR, die Entwicklung Rußlands, die Segnungen des Sozialismus und die unaufhörliche Blüte der Sowjetunion, die schon bald den Westen überholen würde.Nicht nur deshalb ist der Film aus heutiger Sicht so drollig wie bestürzend.Die Musik dazu schrieb Paul Dessau, den Text der Regisseur und Drehbuchautor Günther Rücker, zu dessen 75.Geburtstag das Babylon damit eine kleine Reihe beginnt.

Noch schmaler ist die Werkschau Jean Eustache.Notgedrungen, denn der Franzose konnte nur wenige Filme realisieren, bevor er 1981 mit nur 43 Jahren starb.Mit seiner betonten Langsam- und formalen Sparsamkeit, der authentischen Wirkung, der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Realität und Fiktion und ungewöhnlichen Filmlängen setzte er sich zwischen die Stühle von Kommerz und Avantgarde.Seine mit kühler Distanz erzählte Pubertätsgeschichte "Meine kleinen Geliebten" eröffnet heute im Babylon-Mitte die Reihe, die bis Ende Januar auch im Arsenal läuft.

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