Kultur : Delikatessen

JAN GYMPEL

Es gibt Leute, bei denen kann man sich gar nicht vorstellen, daß sie einmal jung gewesen sind: Agnes Windeck zum Beispiel gelangte erst mit über fünfzig als Exempel der ältlichen, etwas tüteligen Dame mit leicht affektiertem Benehmen zu Ruhm; folglich ist sie auch nur so in Erinnerung geblieben.Zu einer solchen "komischen Nummer" paßt es, daß das Babylon-Mitte jetzt ihr Schnapszahl-Jubiläum begeht: Zum 111.Wiegenfest der 1975 Verstorbenen zeigt das Kino einige Filme mit Agnes Windeck.Zwar durfte sie meist nur Nebenrollen spielen, aber die blieben haften.So auch in Wolfgang Staudtes Gaunerkomödie Die Herren mit der weißen Weste, mit der die kleine Reihe eröffnet wird: Ein pensionierter Oberlandesgerichtsrat und seine greisen Freunde begehen darin ausgeklügelte Verbrechen, damit ein bis dato stets ungeschoren davongekommener Gangster endlich bestraft wird.Neben Martin Held in der Hauptrolle spielen Mario Adorf, Walter Giller, Heinz Erhardt, Rudolf Platte und die ganz junge Hannelore Elsner (Sonnabend bis Montag).

Kinematographisches Gegengift zu der um sich greifenden Videoclip-Häppchenwahrnehmung von Kunst bietet in diesem Monat das Arsenal: Die Reihe Filmische Chroniken umfaßt Filme für Zuschauer mit Muße, Konzentrationsfähigkeit und Sitzfleisch, Vielstundenwerke über "große" Themen und mit Blick fürs Detail.So etwa Ulrike Ottingers "Exil Shanghai" über die Lebensläufe von sechs Juden unterschiedlicher Herkunft, deren Fluchtwege sich in der chinesischen Stadt kreuzten (14.3.).Oder Konrad Wolfs die Zeitgeschichte reflektierende Biographie des kommunistischen Stars Ernst Busch, "Busch singt", von der allerdings nur der dritte und der vierte Teil laufen (13.3.).Den Anfang macht Claude Lanzmanns ultimative Dokumentation über den Massenmord der Nazis an den Juden, Shoah (Teil 1 am Sonnabend, Teil 2 am Sonntag).

Etwas "unproblematischer" ist das Freitagsprogramm am gleichen Ort: Deutsche Trickfilme der Zwanziger Jahre und der Trickfilm im Dritten Reich sind das Thema zwei 1977 entstandener Dokumentationen Rudolf J.Schummers, die Ausschnitte aus Werken von Oskar Fischinger, Hans Richter, Walter Ruttmann, Hans Fischerkoesen und den Gebrüdern Diehl enthalten, teils kommentiert von der Scherenschnittfilm-Legende Lotte Reiniger.Eine Einführung gibt wie immer Jeanpaul Goergen.

Seinen Jour fixe widmet der Berliner Schmalfilmsammler Ralf Forster diesmal dem Thema Space Visitors.Zu sehen ist eine bunte, zehnteilige Zusammenstellung aus Defa-Dokumentationen (unter anderem über die 1960 vorwegphantasierte Mondlandung - natürlich durch die UdSSR), US-Cartoons und sowjetischen Puppentrickfilmen (Acud, Montag).

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