Kultur : Delikatessen

JAN GYMPEL

Wieder kämpft ein Land heldenhaft gegen die bösen Amerikaner und ihren Kulturimperialismus, moralisch gestärkt durch die Links- und Rechtsradikalen aller Länder.Niemand wüßte es besser als wir Deutschen, was den Serben bevorsteht, sollten sie verlieren: Seit 1945 werden wir mit Demokratie und Wohlstand, Popmusik und Hollywood-Filmen terrorisiert, obwohl wir doch viel lieber im Fellkleid durch den Wald zu Thing-Feiern rennen, Met trinken und deutsche Problemfilme sehen würden.Fast zu bestätigten scheint dies das Programm der Nordischen Filmtage in Berlin: Acht Beiträge vom jüngsten Durchgang des Lübecker Festivals, das sich dem skandinavischen und baltischen Kino widmet, sind ab morgen im Arsenal zu sehen.

Da geht es in dem grönländischen Eröffnungsfilm "Lysets hjerte" um den sich zum Familiendrama auswachsenden Konflikt zwischen Tradition und Moderne, nicht weniger unerquicklich ist das Dasein für die beiden jungen Heldinnen in dem finnischen "Tulennleijä", die erst bei der kommunistischen Oma abgeladen werden und dann das Artistendasein teilen müssen, das die Mutter mit einem deutschen Soldaten begonnen hat (Sonnabend).Die norwegische Dokumentation "Leve blant löver" widmet sich drei jungen Krebskranken (morgen), die dänische "Gaias börn" Behinderten (Sonnabend), derweil der schwedische Beitrag "Falkens öga" das Leben in einem schwedischen Dorf aus der Sicht eines Turmfalken zeigt.Noch am hoffnungsfrohsten ist der norwegische Spielfilm "Bare skyer beveger stjernene" über ein kleines Mädchen, das sich nach dem Krebstod seines Bruders abkapselt und mit Hilfe eines aufgeweckten Gleichaltrigen ins Leben zurückfindet (ebenfalls Sonntag).Alle Filme laufen in der Originalfassung mit englischen oder deutschen Untertiteln.

Eines Landes, dessen Bewohner zum Mißfallen der Regierung mehr und mehr den schnöden Verlockungen des Westens zu erliegen scheinen, nimmt sich die Filmbühne am Steinplatz am Sonnabend an: Havanna in Berlin ist die Veranstaltung betitelt, die um 20 Uhr fünf Kurzfilme der Internationalen Schule für Film und Fernsehen in der kubanischen Hauptstadt bietet (Wiederholung am Sonntag).Um 22 Uhr läuft dann - ebenfalls "OmU" - die 1990 entstandene Satire "Alicia im Ort der Wunder", in dem der real vegetierende Sozialismus sehr treffend als ebenso desolate wie kafkaeske Welt dargestellt wird, in der man sich eben über keine Abstrusität wundern darf.Als logisch erscheint einzig, daß der Streifen, der in Anwesenheit des Regisseurs - und Filmhochschulgründers - Daniel Días Torres gezeigt wird, in Kuba bis heute verboten ist.

"Anderes", für viele Amerikaner geradezu "europäisches" Kino aus den Vereinigten Staaten präsentiert am Sonntag das Babylon-Mitte: keine Produkte der kalifornischen Unterhaltungsindustrie, sondern Experimentelles, Abstraktes und Surreales aus den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren.So umfaßt das Programm Klassiker der amerikanischen Filmavantgarde Arbeiten von Stan Brakhage, James Broughton und Alexander Hammid, ein kurzes Frühwerk von Martin Scorsese und zwei Filme der in jüngster Zeit geradezu zur Cineasten-Ikone stilisieren Maya Deren.

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