Kultur : Delikatessen

JAN GYMPEL

Journalisten entdecken am liebsten jede Woche einen neuen Trend.So erklärt sich etwa, daß Swing wieder extrem angesagt sein soll, man aber massenhaft Leute trifft, die Jimmy nicht von Tommy Dorsey unterscheiden können und Kurt Widmann nicht von Kurt Edelhagen.Nicht anders verhält es sich mit der allseits beschworenen Tango-Renaissance: Fragen Sie mal irgendjemanden, wer Carlos Gardel war - außer von wenigen Eingeweihten werden Sie nur fragende Blicke ernten.Um so löblicher, daß das Tilsiter-Kino dem berühmtesten aller Tangosänger jetzt für eine Woche seine Leinwand zur Verfügung stellt: Tango Bar, 1935 entstanden - kurz vor Gardels Tod bei einem Flugzeugunglück, der ihn noch legendärer machte - ist ein Melodram um Leidenschaft und krumme Geschäfte (wie es sich für einen Tangofilm gehört) und filmisch von eher bescheidener Qualität (wie es sich für ein Starvehikel schickt).Doch mit dem halbstündigen Das Astor-Piazzolla-Quartett spielt moderne Tangos versehen, ist das ein superbes Erlebnis für Fans und solche, die es werden wollen.

Einer unangenehmeren Form von Lateinamerika-Schwärmerei nimmt sich das Babylon-Mitte am Sonnabend und Sonntag an, passend zum 1.Mai: Die Tränen von Castro ist das kommentarlos beobachtende Porträt eines Holländers, der sich für den Kommunismus ebenso begeistert wie für das Sammeln von Körperflüssigkeiten.So wenig er bis heute verknusen kann, daß sein einst ebenso fanatischer Vater nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution der Heilslehre abschwor, so stolz bewahrt er etwa sein zweites Ejakulat (ebenfalls von 1956) auf - das erste ging leider in die Hose.Die Krönung seiner Sammlung wäre selbstredend etwas Flüssigkeit vom größten lebenden Kommunistenhelden, Fidel Castro.Also auf nach Kuba, wo nach Meinung des Holländers das marxistische Paradies blüht und gedeiht.Daß er bei seiner Jagd nach dem Schweiß des Comandante von antiquierten Autos auf desolaten Straßen aufgehalten wird, daß überdies junge Kubaner ihm anbieten, wenn er das hier alles so toll fände, könne er doch gleich hierbleiben, sie würden gern an seiner statt in die kapitalistische Hölle fliegen - all dies kann ihn natürlich nicht beirren.Doch sollte es sich hier wirklich um unfreiwillige Komik handeln? Oder um eine perfide, bissige Satire darüber, daß es zu den größeren Leistungen der extremen Linken schon immer gehörte, die widerspenstige Realität einfach zu ignorieren? Und daß noch immer an den Kommunismus zu glauben, Sekrete zu sammeln und zur Voodoo-Priesterin zu gehen, nur verschiedene Formen der Verwirrung darstellen? Die Lösung erfährt man erst ganz zum Schluß.

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