Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

Andere Länder - andere Sitten: Vielerorts wäre ein hoher Politiker, der wie ein kleines Kind die Brocken einfach hinschmeißt und sich per Fax von seinen Ämtern verabschiedet, für alle Zeiten erledigt.In Deutschland dagegen ist seine Kritik an jenen, die nicht wie er vor der Verantwortung weggerannt sind, für die Nachrichten immer noch ein Aufmacher.So sehr man darüber etwa in Thailand den Kopf schütteln mag, so unverständlich ist uns, warum ausgerechnet der 72.Geburtstag des dortigen Königs als besonderer Anlaß gilt.Des Rätsels Lösung: Die Zahl ist durch die als bedeutsam erachtete Sechs zu teilen, ja, sogar in 2 x 6 x 6 zu splitten.So erklärt sich, daß unter anderem die thailändische Botschaft und das Thailändische Fremdenverkehrsamt als Veranstalter einer Thailändischen Filmwoche auftreten, die eine siebenteilige Werkschau des Regisseurs Cherd Songsri auf die Leinwände bringt.Den Anfang macht heute abend, in Anwesenheit Songsris, "Die Narbe": Der 1977 entstandene Film, der bisher in Deutschland nicht zu sehen gewesen ist, handelt von einem historischen Liebesdrama.Nicht im kitschig-melodramatischen Hollywoodstil, sondern durchaus abendländischen Vorstellungen von asiatischer Kultur entsprechend: erhaben und gediegen, moralisch und vergeistigt, traditionsverbunden und religiös.Als einzige thailändische Produktion wurde der Film in einer britischen Umfrage zu den 360 Hauptwerken des klassischen Kinos gezählt.Die Reihe läuft bis Mittwoch im Neuköllner Passagekino; sämtliche Filme in der Originalfassung, teils mit englischen Untertiteln.

In ganz heimische Gefilde entführt Lutz Dammbeck mit Das Meisterspiel.Wie schon mit "Zeit der Götter" und "Dürers Erben" hat der in Leipzig ausgebildete Multikünstler, der seit 1986 in Hamburg lebt, sich wieder tief in die Abgründe der Geschichte und Kultur, Politik und Psyche der Deutschen hinabbegeben.Ausgehend von der spektakulären Übermalung einiger Werke des mit Übermalungen berühmt gewordenen Arnulf Rainer in dessen Wiener Akademieatelier und den Briefbombenattentaten, die Österreich zeitgleich erschütterten, zeigt Dammbeck auch in seinem neuen Filmessay bemerkenswerte Verbindungen zwischen Rechten und Linken, Traditionalisten und Modernisten, antisemitischen Kulturkritikern und geschäftstüchtigen Künstlern.Ein ebenso gruselig-erhellendes wie anregendes Werk, das nach seiner Premiere in der Akademie der Künste im vergangenen Herbst jetzt ins Kino kommt (Brotfabrik, Filmbühne am Steinplatz).

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