Kultur : Delikatessen

JAN GYMPEL

"Wenn du wüßtest, wie ich dich beneide: Was du alles mal deinen Kindern erzählen kannst!", meint ein britischer Soldat in Nordafrika zum anderen.Und schon sieht man den Bewunderten Jahrzehnte später im Garten sitzen, sein etwa vierzigjähriger Sohn ruft begeistert: "Kommt Kinder, Papa will uns wieder von der zweiten Schlacht bei El Alamein erzählen!" Und die gesamte Familie stürmt erwartungsvoll heran.

Heute gehört in der westlichen Welt nicht mehr viel Mut dazu, sich über das Militär lustig zu machen.1966, als Wie ich den Krieg gewann entstand, war das noch etwas anders, selbst im mit frechem Humor (und einer Berufsarmee) ohnehin gesegneten England.Der von Richard Lester kurz nach seinen berühmten Beatles-Filmen - und mit John Lennon in einer Nebenrolle - inszenierte Film demontiert konsequent Heldentum und Veteranensentimentalität, macht sich über Kriegsfilmklischees lustig und spielt auch wieder mit den Formen der Leinwandsprache.Wild werden Elemente des Spiel- und des Dokumentarfilms durcheinandergequirlt, es gibt unerwartete, teils absurde Wendungen und Zwischenschnitte, surreale Gags, rasante Parallelmontagen und Szenenwechsel sowie Sprünge in der Chronologie.Die böse Revue, aufgehängt an den Erinnerungen eines Trottels, der während des Zweiten Weltkriegs hinter den deutschen Linien ein Cricketfeld anlegen sollte, ist eine Art Mixtur aus "MASH", "Catch 22" und den Monty-Python-Filmen - allerdings Jahre früher entstanden.Und auch eine Erinnerung daran, daß Pazifisten einst Intelligenteres einfiel als mit Farbbeuteln zu werfen (Acud, bis Mittwoch außer Montag).

Ungestüm und Wahnsinn in anderer Form widmet sich das Acud in den nächsten Wochen mit einer kleinen Klaus-Kinski-Reihe.Den Anfang macht "Aguirre, der Zorn Gottes", Werner Herzogs 1972 entstandener Anspruchs-Abenteuerfilm über den spanischen Eroberer, der im 16.Jahrhundert am Amazonas El Dorado sucht und dabei die Schwelle von der Besessenheit zur völligen geistigen Umnachtung übertritt (bis 16.Juni, außer am 14.).

Als exzentrisch mußte sich auch Hans-Jürgen Syberberg immer wieder schimpfen lassen: Überlange Filme, auf eine Art um deutsche Geschichte, Kultur und Mythen kreisend, wie es in den siebziger Jahren politisch inkorrekt war.Morgen widmet ihm das Filmmuseum Potsdam eine lange Nacht, zu der Syberberg auch persönlich erscheinen will.Neben "Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914-1975" (in der Pause des fünfstündigen Interviewfilms mit der Schwiegertochter Richard Wagners werden Weißwurst und Schwarzbier gereicht) laufen Frühwerke des Regisseurs.

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