Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

Als der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen noch ein sichtbares Stückchen jünger war und nicht einer ebenso end- wie trostlos vor sich hinwurstelnden Großen Koalition vorstand, sondern randalierenden Mauerbürgern auf seine Weise den Kampf ansagte, schuf er den legendären Begriff "Anti-Berliner": Heute wären das vermutlich Leute, die nicht gerade pflichtgemäß in Verzückung geraten, wenn in der Stadt mal wieder ein Einkaufszentrum oder ein Multiplex eröffnet wird. "Anti-Berliner", das war eine Vokabel aus dem Jahr 1987: Damals war zwar die Parole ausgegeben worden, die 750-Jahr-Feier Berlin (West) ganz dufte zu finden, oft aber wurde auch Unmut reichlich rabiat ausgedrückt.

Mit solchen "Anti-Berlinern" werden Oma, Mutter und Tochter Färber (allesamt von Herren gespielt) konfrontiert, die mit ihrem schmucken Imbißstand vom Steubenplatz ausgerechnet nach Kreuzberg gezogen sind. Wie sie fetttriefende Würste servieren, sich mit schwulen Gatten, untreuen Boulettenlieferanten und solariumsverbrutzelten Nebenbuhlerinnen herumschlagen, schildert Drei Drachen vom Grill.

Die 1987-92 entstandene Trilogie der Berliner Teufelsberg-Produktion, inzwischen nur noch mit ihren meist um das Neuköllner Prollpaar "Edith und Hotte" kreisenden Shows präsent, ist eine ebenso schrille wie genau beobachtete Parodie auf berlintümelnde Fernsehserien. Das teils auf Super-8 gedrehte Werk, dessen Anspielungen und Gemeinheiten die technischen Mängel wettmachen, kreist im zweiten Teil auch um eine Entführung der Oma durch sächselnde Stasi-Terroristen nach Marzahn, polnische Straßenhändler, die wiederum CDU-Tüten tragende Berlinerinnen zu Zornesausbrüchen treiben. Ach, was war es doch vordem so lauschig ungemütlich im Berliner Westen, als man keinen Ramsch mehr kriegte, weil die Ostler einem schon alles weggekauft hatten! "Drei Drachen vom Grill" ist inzwischen ebenso zum vergnüglichen Dokument West-Berliner Insellebens wie der Zeit der Wiedervereinigung geworden (International, Montag).

Schrill geht es schon am Sonnabend im Martin-Gropius-Bau zu, allerdings in ganz anderer Form: Ich - Axel Cäsar Springer. Erklärung eines Wunders heißt ein fünfteiliger Fernsehfilm, den das DDR-TV Im Jahre 1970 verfertigte - wohl auch als Ansporn für jene im Westen gedacht, die den Verleger inzwischen ebenfalls zu ihrem liebsten Haßobjekt erkoren hatten. Das Zeughauskino im Gropius-Bau zeigt von der Miniserie mit Horst Drinda, Hans-Peter Minetti und Ekkehard Schall eine abendfüllende Folge mit lokalem Bezug: In "Der gemachte Mann" geht es darum, wie "der Hauptdrahtzieher der psychologischen Kriegsführung in der BRD", eben jener Konzernchef, die aus dem Exil heimgekehrte Berliner Verlegerdynastie Ullstein um ihr gerade zurückerstattetes Eigentum bringt und damit den Brückenkopf zur Eroberung des Arbeiter- und Bauernparadieses zu schaffen gedenkt. Mit "Krause und Krupp" und "Dr. Schlüter" laufen am Sonnabend und am Sonntag zwei weitere Beispiele für abstruse Propagandaproduktionen des Ost-Fernsehens über die Zustände im Westen aus jener Zeit.

Weitaus anspruchsvoller dagegen die historische Kost, die das Babylon-Mitte am Sonntag offeriert: Fourty Years of Experiment ist der Titel eines von Hans Richter höchstpersönlich zusammengestellten Programms mit zehn seiner Avantgardefilmklassiker. Dazu gehören so berühmte Werke wie "Vormittagsspuk" und der abstrakte "Rhythmus 21".

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