Kultur : DELIKATESSEN

JAN GYMPEL

Frohgemut radelt eine junge Frau durch die Heide. Doch schon lauert ihr der Bösewicht (dick, dunkelhaarig, bärtig) auf und bedrängt sie. So kippt die Stimmung, kaum hat der Film begonnen, und die Musik wechselt von Dur in Moll. Auch wenn es vom Titel her so scheint, ist Rosen blühen auf dem Heidegrab eben kein weiterer dieser schludrig gemachten Heimatfilme aus den frühen fünfziger Jahren, die Balsam auf die von den Unbilden der Zeitläufte wunden Seelen der Deutschen waren und eine heile, ländliche Sonnenscheinwelt als Kontrast zu den grauen, noch vom Krieg gezeichneten Städten zeigten.

In dem 1952 von dem sonst nicht weiter aufgefallenen Hans H. König geschriebenen und inszenierten Film ist Heimat nicht ein heimeliger, sondern ein unheimlicher Ort voller Dämonen aus einer düsteren Vergangenheit, deren Bann gebrochen werden muß: Von einem grobschlächtigen, reichen Bauern bedrängt, fürchtet eine junge Frau dasselbe Schicksal zu erleiden wie ihre Vorfahrin, die im Dreißigjährigen Krieg von einem Schwedenleutnant vergewaltigt wurde und ihn daraufhin in den gemeinsamen Tod im Moor führte. Bewußte Rosen von ihrem Heidegrab - das eigentlich ein Epitaph ist - sind keine Blüten der Romantik, sondern Unglücksbringer, die die Halluzinationen, Alpträume und Zwangsvorstellungen der Frau noch anheizen.

Passend dazu bedient sich der Film größtenteils düsterer Bilder voller Schlagschatten und -lichter, die die Heide bisweilen zur nebeldurchwaberten Seelenlandschaft werden lassen. Trotz gewisser Mängel in Darstellung, Dramaturgie und Inszenierung avancierte der Film dank dieser Anklänge an den Poetischen Realismus und den Film noir in den letzten Jahren zum Geheimtip, zumal er lange nicht mehr zu sehen war. Im Martin-Gropius-Bau kann man nun am Dienstag diese Bildungslücke schließen.

Eine Rarität stellt auch immer noch die vollständige, drei- statt nur zweistündige Fassung von A Star is Born dar: Vor fünfzehn Jahren rekonstruiert, ist das fulminante Melodram so noch immer nicht deutsch untertitelt oder im Fernsehen gezeigt worden und hierzulande nur äußerst selten zu sehen. Dabei ist die 1954 entstandene Version die beste der dreimal verfilmten Geschichte des Revuegirls, das an der Seite des von ihm bewunderten Stars Hollywoodkarriere macht, derweil er zugleich absteigt und dem Suff verfällt.

Die Aufführung des Cinemascope-, Technicolor- und Stereoton-Musicals paßt übrigens nicht nur deshalb gut zum bevorstehenden Christopher Street Day, weil Schwule erfahrungsgemäß ein Faible für derlei grandiosen Kitsch haben und der Regisseur George Cukor auf Männer stand. Auch soll der Tod Judy Garlands, die hier an der Seite James Masons ein Comeback feiern konnte, mitverantwortlich für jenen Aufstand gewesen sein, der zum Gründungsmythos der heutigen Homosexuellenbewegung wurde: Daß die New Yorker Polizei vor dreißig Jahren bei ihrer Schwulenhatz eine Gedenkfeier für die frisch verschiedene Homo-Diva sprengte, war - so will es das ewig überlieferte Gerücht - der Auslöser dafür, daß die lange angesammelte schwule Wut zum Ausbruch kommen konnte.

"A Star is Born" läuft morgen und übermorgen im Filmmuseum Potsdam, wo man Judy Garland bis Sonntag auch in ihrem berühmten Debüt Das zauberhafte Land (The Wizard of Oz) sehen kann, einem noch schrilleren Musical.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben