Kultur : Dem armen reichen G.G. – ein Glückwunsch zum 75.

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An jenem Tag vor über 40 Jahren ist der schnauzbärtige Maler, Bildhauer und Schriftsteller Günter Grass noch ein fast Unbekannter. Doch eine junge Frau von 22 Jahren hat den ein Jahrzehnt älteren Künstler in seiner billigen Wohnung in der Pariser Avenue d’Italie 111 um 1959 für einen Tag aufgesucht. Sie heißt Barbara Niggl und ist damals Deutschlands jüngste Fotoreporterin, reist (in der Männerwelt der Lebecks, Höpkers, Moses) von München nach Jerusalem, Moskau, Paris und fotografiert für die „Münchner Illustrierte“, „Scala International“, die „Quick“ und die „Süddeutsche Zeitung“. Irgendwann hat sie die erste kleine Grass’sche Gedichtsammlung „Gleisdreieck“ gelesen und, sofort entzündet, will sie, die auch den alten Zuckmayer und den jungen Truman Capote fotografierte, diesen deutschkaschubischen Burschen sehen, der in Paris mit seiner Frau Anna, einer Tänzerin, gerade Zwillinge gekriegt hat und von einem 300-Mark-Stipendium als bildender Künstler lebt. Dass er außer Gedichten und kurzen absurden Theaterstücken auch an einem Roman mit dem Arbeitstitel „Oskar, der Trommler“ schreibt, ist zu dieser Zeit nicht viel mehr als ein durch einen ersten fabulösen Auftritt bei der Dichter-Gruppe 47 genährtes Gerücht. Der Autor selbst nährt sich noch von selbstgekochtem Hammel- und Linseneintopf, von Rotwein, Schnaps und schwarzen Zigaretten. Das ist der Moment, in dem ihn die Fotografin trifft: der junge Vater, dem kleinen Sohn die Scheu vor der Kamera mit einer Geste gleichsam wegzählend – und hernach, zwischen Calvados und Gauloises, den Blick gerade versonnen in den Kaffeesatz gerichtet. Ein Künstler in der Küche, schon im Schlips und doch: im Vorschatten nur des kommenden Weltruhms. Seine „Blechtrommel“ wird einige Monate später erscheinen. Und für sie bekommt er 40 Jahre später den Nobelpreis. Heute wird der große G.G. nun 75, und Kollegen, Kritiker und vor allem Leser feiern ihn zu Recht. Auch seine Geburtsstadt Danzig. Und in Deutschland gratulieren der Bundespräsident und der Kanzler: einem „kritischen Geist, der immer auch das unbequeme Gespräch sucht“. (Barbara Niggls Bilder entnehmen wir ihrem im Verlag Mosel & Tschechow in München erschienenen Katalog „Fotografien 1958 - 1962“.) P.v.B.

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