Kultur : Dem inneren Auge zugänglicher

MICHAEL NUNGESSER

Thomas Ranfts ein wenig nostalgische Präsentation in der Galerie Gunar BarthelVON MICHAEL NUNGESSERMit dem Stift kennt er sich aus.Mit ihm geht er auf Spurensuche in unwegsame Gelände, die bisher kein Auge sah.Seine Zeichnungen und Grafiken, gleich ob figurativ oder eher strukturell, gleichen landschaftliche Erkundungen.Wohl auch angeregt von realer Natur, führen sie doch vom Gegebenen in andere Vorstellungsbereiche.Sie kommen "Aus einer anderen Zeit", so der programmatische Ausstellungstitel.Sie sind feingliedrig und phantastisch, spinnwebenhaft wuchernd, kalligraphisch und zirkular. Geboren im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges im thüringischen Königsee, fand Thomas Ranft nach seiner Tätigkeit als Baumschulgärtner und Schauspieler am Arbeitertheater zur bildenden Kunst und studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.Schließlich wandte er sich vor allem der Radierung zu.Ranft, ein unruhiger Geist voller Ideen und Energie, hat viele Künstlerfreunde.Ohne ihn wäre die zur offiziellen Kulturpolitik der DDR querliegende Künstlergruppe Clara Mosch (1977-82 im damaligen Karl-Marx-Stadt) undenkbar.Er war es auch, der den Eigenbrötler Gerhard Altenbourg für Ausstellungen in der gruppeneigenen Galerie gewinnen konnte und ihn zum Radieren anregte. Als Drucker für Altenbourg und Carl-Friedrich Claus hat sich Ranft in den Dienst anderer gestellt, sich aber auch von ihnen inspirieren lassen, von ihrer versponnenen traumwandlerischen Strichtüftelei, die über Surrealismus, Dadaismus und Paul Klee zu romantischen Wurzeln führte.Ranft liebt das Ironische, Geheimnisvolle, Labyrinthische.Seine fiktiven Briefe an Mosch-Künstler (2800 DM) sind kuriose Schrift-Bilder, miniaturhaft dicht, voller Bildpoesie, lesbar nur in Bruchstücken, dem inneren Auge zugänglicher.Aus tausenden feinster, parallel geführter Striche sind "Ewiges Gold" und "Graues Licht" (je 1800 DM) entstanden, gezeichnet mit Goldstift. Ranft zeichnet auch mit Blei- und Silberstift, ritzt auf Schiefertafeln, wischt mit Tusche und Aquarell und gestaltet Collagen.Nur hier erscheinen, in Ausrissen von Kartons und gemusterten Papieren, kräftige Farben.Zusammengesetzt, bereichert um gefundene Brieffragmente wie in "Liebste Clara" (4200 DM), alte Fotos und Anzeigen wie in "Box" (4000 DM), verwandeln sich die Klebebilder mit Pfauenauge und Gilbspuren in poetische Kompositionen, die tektonische Klarheit mit einem Hauch von Nostalgie verbinden. Eine Besonderheit bilden neueste "Installationen": Radierungen (Unikate), kombiniert mit einem skurril-langbeinigen, vom Künstler selbst erdachten und teils mit Rädern ausgestatteten Eisenmöbel, Tisch, Stuhl, Pult oder Grafikschrank (4000 DM bis 7800 DM).Das Möbel schließt die dazugehörige geätzte und gelackte Radierplatte ebenso mit ein wie einen bearbeiteten und versiegelten Lithostein.Kunst zum Schauen und Gebrauchen, sperrig, spintisierend, spielerisch. Galerie Gunar Barthel, Fasanenstraße 15, bis 12.Mai; Dienstag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.Katalog 25 DM.

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