Kultur : Dem Theater hinterhergereist

Steffen Richter

behandelt kranke Wörter Zugegeben, die Situation ist verfahren. Was waren das für Zeiten, in denen eine rote Karte noch eine rote Karte war und ein Elfmeter ein Elfmeter! Wenn man den Fußballergebnissen nicht mehr trauen kann, geraten Grundfeste ins Wanken. Wie kommen wir da heraus? Am besten, alles noch einmal auf Null und von vorn beginnen. Weltschöpfung ist traditionell Sache der Literatur.

Für demiurgische Akte bedarf es nicht unbedingt eines vollmundig fabulierenden Romans. Nein, die Dänin Inger Christensen hat dieses Kunststück vor über 30 Jahren in einem einzigen, freilich ziemlich langen Gedicht fertig gebracht. „das“ (dänisch: „det“) versucht, „von einer Welt zu erzählen, die es nicht gibt,/ damit es sie gebe.“ Dabei wird aber nicht nur eine Welt, sondern die Sprache gleich mit erfunden. Obwohl Christensens Lyrik mit mathematischen Formen operiert und als „Systemdichtung“ gilt, kommen in ihr die Sinne und selbst die Politik nicht zu kurz. Der Vietnamkrieg gelangt ebenso so zur Sprache wie die Schöpfungsgeschichten von Hesiod über Vergil bis Dante. Sie können Inger Christensen am 9.2. (19 Uhr 30) in der daad-Galerie (Zimmerstr. 90/91) erleben.

Aber dann wird doch fabuliert. Und zwar von Emine Sevgi Özdamar . Ihre Wörter, hat sie einmal bekannt, seien „krank“. Gewalt und Verfolgung haben sich nach einem türkischen Militärputsch in ihnen eingenistet. Özdamar flüchtete nach Deutschland, um 1976 an der Ostberliner Volksbühne unter Benno Besson das Brecht-Theater zu studieren – und mit ihren Büchern das deutsche Vokabular durchzurütteln. Mal sprudelt es vor Lebendigkeit, dann ist es Refugium für Trauer und Sehnsucht. Immer wieder ist die Türkin Özdamar dem Theater hinterher gezogen: von Istanbul nach Berlin, Bochum, Paris und Düsseldorf. Von ihr, die am 10.2. bei Bücher am Nonnendamm (Nonnendammallee 87a, 19 Uhr 30) aus „Seltsame Sterne starren zur Erde“ (KiWi) liest, kann man lernen, wie man immer wieder von vorn anfängt.

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