Kultur : Dem Tod ins Libretto spucken

WOLFGANG GOERTZ

Es geht um Halbwertzeiten in "Rent", Jonathan Larsons Broadway-Erfolg von 1996, der jetzt im Düsseldorfer Capitol-Theater erstmals in Deutschland nachgespielt wird.Ein Leben in der Zukunft wird zur Utopie erklärt, denn einige Figuren können ebenfalls nur noch in Quartalen denken.In ihnen tobt das tödliche Virus.Sie müssen AZT schlucken, pünktlich auf die Minute.An ihren Ärmchen bimmeln beizeiten die Alarmuhren.Doch die Erwartung des Todes stimmt sie nicht nur empfindsam, sondern auch gelassen (Regie: Martha Banta).Schließlich ist man unter Freunden im New Yorker Künstlervolk von East Village (angemessen offen und provisorisch: Paul Clöays Bühne).Da kommt ein Liedlein leicht über die Lippen.

Was also ist das Leben? Eine schnöde Summe von Stunden und Minuten; eine nur in Lakonie zu ertragende Mixtur aus sehr allgemeinem Lebensgefühl und sehr zugespitzter Herzensverwirrung.Auf die Tische, ihr Künstler, die Welt wird geköpft.In "Rent" schiebt sich, was das Stoffliche betrifft, die Echtzeit vor das Märchen, vor die Historie und vor die Bibel."Rent" möchte den identifikatorischen Prozeß des Zuschauens befördern und des Zeitgeistes habhaft werden.Es zielt auf ein Publikum, das sich das Leben nicht schwerer machen möchte, als es in Gestalt von Junkies, Ecstasy-Pillen und rostiger Kondom-Automaten bereits ist.

"Rent" habe das Zeug, ein "Kult-Musical" zu werden, sagen seine Macher.Das wird es nicht, denn es ist kein Glamour-Musical alter Schule, sondern eher eine kleine Rock-Oper.Links auf der Bühne hockt lediglich eine Combo aus Gitarren, Schlagzeug und E-Piano, es gibt keine Saxophone, Trompete, Oboen.Kein Musical also? Ein Etikettenschwindel? Nun, manchmal haben die Macher selbst keine Ahnung, wie offen die Grenzen der Künste sind und wie unmerklich deren Wanderungen.Indem sich "Rent" unverhohlen an der Oper orientiert, an Giacomo Puccinis "La Bohème" nämlich, zieht es sich auch deren dramaturgischen Mantel an.Legt man beide Werke nebeneinander, ist die Ähnlichkeit frappierend.Allerdings ist der Amerikaner von anderer dramatischer Gesinnung als der Italiener: Während bei Puccini am Ende das Sterben und die Verzweiflung stehen, reicht Larson - die drogensüchtige Mimi ist soeben verblichen - Gevatter Tod die Hand und sagt: So, jetzt laß es mal gut sein, wir brauchen noch ein temperamentvolles Finale, zu dem alle wieder pünktlich auferstehen.Doch Jonathan Larson ist nicht Andrew Lloyd Webber.Seine Melodie ist der Puls, und dieser Puls schlägt hart und laut.Zwar schlängeln sich keine Ohrwürmer ins Kleinhirn, doch haben Larsons musikalische Erfindungen jederzeit drängende Kraft, weisen über den Augenblick weit hinaus, verleihen dem Genrebild des unbändigen Völkchens einen Atem, der uns machtvoll anweht.Manchmal versteht man den deutschen Text von Heinz Rudolf Kunze nicht, was vielleicht auch besser ist.Wer reimt, ohne dazu Zeile für Zeile inspiriert zu sein, erlebt die Konsequenzen beim Publikum im Sekundentakt.

Das Klima, das die Musik eröffnet, verhindert zugleich, daß die "Rent"-Handlung ins Nummern- oder gar Revuehafte zerfällt.In der Klammer- und Leitmotivtechnik, vor allem auch in der virtuosen Überwindung bloßen Patchworks ist "Rent" dem "echten" Musiktheater nahe.Einige Szene sind läppisch, streifen den Edelkitsch (etwa das Duett "Du fehlst mir" oder leider auch jener einzige Moment, in dem der Aids-Tod in den fidelen Alltag einbricht) und bezeugen Larsons Angst, die Atmosphäre, die sein Werk einkreist, zu Ende zu denken und ans Ende zu stellen.Es ist zwar trostreich, wenn dem Tod ins Libretto gespuckt wird.Aber wäre es nicht möglich gewesen, dem Ernst, den "Rent" ja beschwört, auch seine finale Beglaubigung zu geben?

Anderes ist brillant, etwa die slapstickhaft giggelnde Nummer von der "Fliegenden Kuh" oder die Einlagen der "Weihnachtsglocken".Da zeigte sich auch die exzellente Schulung der Sänger: Fast jede Stimme hat individuelles Timbre und fügte sich ins Ensemble bestechend ein.Als Stück ist "Rent" so stark, daß es die Nachbesserungen aushält, die nötig sind.

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